Schwaben sind absolut tolerant

Auch wenn er jetzt fleißig zurückrudert - Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse hat mit seiner Schwabenschelte eine Volksseele zum Kochen gebracht. Das bestätigen viele HZ-Leserinnen und HZ-Leser.

Autor: ERNST KLETT |
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"Gottsmillionisch" geärgert hat sich Irmgard Braun über die Tiraden des Berliner SPD-Politikers, der das Schwäbische aus der Hauptstadt verbannen will. Da kam ihr der gestrige Aufruf der HZ, ob man Weckle oder Brötchen verlangt beim Bäcker, gerade recht, um Luft abzulassen. Der Thierse solle uns Schwaben doch Schwaben sein lassen, seine Gosch halten und in Berlin bleiben - also nicht wie beabsichtigt im Sommer hier Urlaub machen. Die Schwaben könnten Hochdeutsch und könnten Schwäbisch. Letzteres solle der Bundestagsvizepräsident erstmal lernen. Irmgard Braun bestätigt unumstößlich: "Mir send Schwoba, und mir bleibet Schwoba".

Marianne Fecker geht gleich einen großen Schritt weiter. Sie fordert Konsequenzen: "Also, ich finde, der Politiker gehört sofort entlassen, ohne Abfindung und weitere Zahlungen vom Staat. Wenn er keine anderen Sorgen hat, dann hat er in der Politik nichts zu suchen." Gesagt, getan. So hat mans halt gern im Ländle. "Wahnsinnig" ärgert sich die HZ-Leserin darüber, dass die Schwaben als solche derart beleidigt werden. "Ein Volk, das sich für nichts zu schade ist und arbeitet, bis der Körper nicht mehr mitmacht, braucht man nicht so herunterlassend zu behandeln." Die Schwaben, so schreibt Marianne Fecker, seien doch diejenigen, die die Wirtschaft halten und stärken. Alle anderen würden nur die Hand aufhalten. Und weiter: "Der sollte sich schämen, für mich ist er nur lächerlich, ein Mann, den man nicht braucht." Wenn Thierse über andere Nationalitäten hergezogen wäre, malt sich Marianne Fecker aus, dann wären ein Sturm der Entrüstung und Rücktrittsforderungen die Folge gewesen. So aber höre man nichts. Und das sei nicht recht.

Die Weckles-Diskussion ist für die HZ-Leserin nur vorgeschoben: "Es geht hier nicht nur um die lächerlichen Schrippen, oh nein. Bei mir sitzt das tiefer, und so läuft noch viel in unserer Politik. Die Schwaben in Berlin sollten sich Gedanken machen." Beim Bäcker bleibt sich Marianne Fecker derweil treu: "Ich kaufe natürlich weiterhin die Wecklesgugg und rede auch so Schwäbisch, wie ich damit aufgewachsen bin." Bestens, sagen die Schwaben in der HZ-Redaktion.

Am Telefon macht es Robert Kästle aus Killer kurz: Das sei ja ein Wahnsinn, die ganze Streiterei, meint der HZ-Leser. In Baden-Württemberg sage man seit eh und je Weckle - und die Brötchen sollten die Fischköpf essen: "Des send Weckle, ond dabei bleibts".

Aber hoppla, die vermeintlich behäbigen Schwaben können also ganz schön in Fahrt kommen, wenn man sie an der richtigen Stelle reizt. Manche setzen sich sogar hin und dichten, wenns denn sein muss. So, wie HZ-Leser Gerhard Titze: "I sag Weckle drzu, Brötchen klingt so gschwolla. Ond wer mi net verstoht, der solls bleiba lassa. Mei Moinung ischt, dia, wo zu ons komma wellad, dia solldat älle zescht ens Eibürgerungsamt gange ond dr Uffnahmetäscht macha miassa." Da könnte etwas dran sein! Ein Dankeschön ins Hause Titze.

Die Weckles-Brötchen-Diskussion hat Wilma Evers angeregt, in der Junginger Heimatgeschichte und der Familientradition zu schwelgen. Es müssen nämlich gar nicht die Weckle sein - früher hat man mancherorts Mutschel dazu gesagt: "Zu meiner Kinder- und Jugendzeit ging man zum ,Beck und sagte: ,i mecht a Mutschel. Die kostete damals zehn Pfennige. Diese höhlte man aus, das heißt, man griebelte das Weiche heraus und aß dann den Rest - hmmmm! Erst später musste ich mich daran gewöhnen, ein Weckle zu kaufen. Mein Schwiegervater, der aus dem Hessischen stammte, kaufte Brötchen."

Das mit den Mutscheln konnte sogar zu einem der vielen Junginger Übernamen führen: "Zu unserer Familie sagt man seit Generationen ,Mitschele. Nach Aussage meiner Vorfahren soll das davon kommen, dass mein Großvater, Schreiner Friedrich Riester, geschimpft haben soll: ,Das sind doch keine Mutscheln, das sind Mitschele!" Fortan waren er und seine Nachkommen ,dr Mitschele."

Wilma Evers lässt damit den latent knöterigen Wolfgang Thierse dort, wo er mit seiner depperten Schwabenschelte am besten hingehört - links liegen. Und damit nun niemand sagen kann, die HZ würde einseitig berichten, kommt zum Schluss der eigentlich schönste Beitrag von allen, nämlich von einer Reingeschmeckten, die sich aber allem Anschein nach längst allerbestens mit dem Schwäbischen und den Schwaben zurechtfindet. Katja Lehrmann aus Hechingen lässt wissen: "Hallo, liebe Schwaben, als Neigschmeckte muss ich sagen, dass ich mich bei euch ,sauwohl fühle. Ich beneide euch sehr um euren Dialekt, und bitte euch eindringlich, pflegt ihn, denn er ist einfach umwerfend und macht die deutsche Sprache bunter." Die Geschäftsfrau erinnert sich an 1983, als sie in den Süden kam. Sie brauchte einen Dolmetscher! Katja Lehrmann: "Mal ehrlich, wer sonst bietet einem einen Teppich an, wenn man nach einer Decke fragt? Und der Deppich liegt im Kaschte - Kasten? - ach so, im Schrank! Die endlose Länge der Fiaß und die damit zusammenhängende Begeisterung bringt einen auch schon durcheinander, wenn die Füße für einen selber einfach nur Füße sind. Und dass Gsälz Marmelade ist, kann man nicht unbedingt ahnen, wenn man aus dem Norden stammt. Ich bot Salzstangen an, als man mich danach fragte."

Aber nach 30 Jahren im Ländle hat man sich mit den Schwaben wohl gut arrangiert: "Mittlerweile verstehe ich euch ganz gut, auch wenn der Dialekt von Region zu Region unterschiedlich ist. Wenn ich versehentlich statt Weckle Brötchen bestelle, hat keiner ein Problem damit. Ihr Schwaben seid also absolut tolerant, und genau deshalb fühle ich mich hier so wohl!" Ein Herr Thierse, schreibt die HZ-Leserin, "kann euch doch nicht wirklich aus der Ruhe bringen, oder?"

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