Schwaben in Berlin: Nicht nur ein Feindbild
Schwaben sind in Berlin keineswegs geächtet, wie die Thierse-Attacken glauben lassen können. Manch ein Emigrant aus Baden-Württemberg ist so geachtet, dass es sogar zum Titel "Berliner des Jahres" reicht.
Autor: HANS GEORG FRANK |Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse hat einen landsmannschaftlichen Streit vom Zaun gebrochen, in dem er sich - wie berichtet - über die Schwaben in Berlin mokierte. Dabei ist Thierse keineswegs waschechter Berliner, er ist 1945 in Breslau geboren, kam 1964 als Student an die Humboldt-Universität. Die Angriffe des prominenten Politikers gegen angebliche schwäbische Marotten erweckten den Eindruck, Immigranten aus Deutschlands Süden seien allesamt geächtet. Tatsächlich aber sind einige sehr geachtet, wie das Beispiel von Hans Wall beweist.
Der Unternehmer ist 1942 in Künzelsau geboren und in Aalen aufgewachsen. "In Ôhla", wie er zu sagen pflegt, "Ahlen ist in Westfalen". Wall ist sehr reich geworden mit Toiletten, die er in Russland ebenso aufgestellt hat wie in den USA. Er gilt als "Klobalisierer". Der aus Remseck (Kreis Ludwigsburg) stammende TV-Altmeister Ulrich Kienzle (76) hat für sein aktuelles Interviewbuch ("Eine Reise zu eigenwilligen Deutschen") 17 Schwaben befragt, darunter Hans Wall. "Als Schwabe bisch hier hoch angesehen", sagte Wall über Berlin, wo er den heimatlichen Zungenschlag nicht verbirgt und "stolz" ist auf seine Herkunft.
2005 kürten ihn Leser der "Berliner Morgenpost" zum "Berliner des Jahres". Es ist jene Zeitung, in der sich Thierse abfällig über Schwaben geäußert hat, selber aber nie als herausragende Persönlichkeit geehrt wurde. Gewürdigt wurden Walls vorbildliche Verdienste um den Erhalt des kulturellen Erbes in der Hauptstadt. Er ist spendabler Vorsitzender des Vereins "Denk mal an Berlin". Die Jüdische Gemeinde zeichnete ihn 2004 für seinen Einsatz gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aus.
Den Geschmack der Heimat mag Wall nicht missen - "den Berliner Kartoffelsalat, den kannst du doch vergessen". Anders die schwäbische Küche, die "schmeckt jedem".
Dies hat auch der Fußballer Fredi Bobic, aufgewachsen in Stuttgart, in seiner Zeit bei Hertha BSC erfahren. Seine vielen Bekannten wollten "alle immer bloß zum Essen kommen". Mit seiner Spätzle schabenden Frau habe er "ein bisschen Esskultur reingebracht", erzählte er.
Die 1967 in Bad Cannstatt geborene Schauspielerin Natalia Wörner mit Wohnsitz Berlin wunderte sich im Gespräch mit Kienzle über Demos gegen Schwaben: "Ich verstehe nicht, wie man auf so eine bescheuerte Idee kommen kann." Der aus dem bayerischen Schwaben stammende Schauspieler Herbert Knaup ("Kluftinger") schätzt einen "schwäbischen Kurden" in seiner Nachbarschaft, der offenbar nicht nur lupenreines Schwäbisch beherrscht, sondern auch die regionale Spezialität zubereiten kann, wenn er fragt, "mogscht a paar Mauldäschla".
Schwäbischer Tugend bleibt die 1954 in Stuttgart geborene Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff in ihrer Berliner Wahlheimat treu. "Es ist doch angenehmer mit jemandem zusammen zu sein, der nicht permanent von sich als dem Größten spricht", sagte sie im Kienzle-Buch.
CDU-Landesvorsitzender und Heilbronner Bundestagsabgeordnete Thomas Strobl bezeichnete die Thierse-Schelte gestern als "totalen Stuss". Er erinnerte den SPD-Kollegen daran, "dass Multikulti mit dem Respekt vor den eigenen Landsleuten beginnt". Wolfgang Thierse ließ wenig später verlauten, dass er dieses Jahr nicht nur Urlaub in Baden-Württemberg machen wolle. Er könne sich auch gut vorstellen, in Tübingen, Freiburg oder Konstanz zu leben.

