Peter01

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Ken Anderson ist ein pensionierter Soldat der US-Luftwaffe. Nachdem er das Militär verlassen hatte, arbeitete er als Musiklehrer, in der Freizeit studierte er Geschichte. Inzwischen ist der 75-Jährige arbeitslos.

An einem heißen Nachmittag sitzt Ken Anderson mit seiner Stieftochter Kristy Tupfer in Cheddars Scratch Kitchen, dem Stammlokal der Familie am Rande von York. Die Minuten auf seinem Wegwerfhandy sind aufgebraucht, Geld  zum Aufladen hat der sympathische ältere Herr nicht. „Ist aber alles okay“, sagt er.

In der Kleinstadt York im Süden des US-Bundesstaates Pennsylvania haben am 8. November vergangenen Jahres mehr als zwei Drittel der registrierten Wähler Donald Trump ihre Stimme gegeben. Auch Ken Anderson. Er schlürft einen Eistee und erzählt stolz von der geschichtsträchtigen Vergangenheit Yorks, das während der Kolonialzeit zwei Jahre lang sogar Amerikas Hauptstadt war. Er spricht über die Harley-Davidson-Fabrik, die traditionsreiche Motorräder herstellt, und über York Barbells, einen der führenden Hersteller von Zubehör für Bodybuilder. Beide Unternehmen zählen zu den wichtigsten Arbeitgebern in York, wo das jährliche Haushaltseinkommen unter 60 000 Dollar liegt und man für knapp zwei Jahresgehälter ein Einfamilienhaus kaufen kann.

 Ken Andersons Wahlheimat steht stellvertretend für die beinahe vergessene Mittelklasse, die angesichts des wachsenden Gefälles zwischen Arm und Reich in den USA immer kleiner wird. Sein Kandidat während der Vorwahlen vor Jahresfrist sei ursprünglich Ben Carson gewesen, sagt Anderson. An dem afro-amerikanischen Chirurgen habe er Gefallen gefunden, weil er als Mediziner der protoypische Außenseiter unter den Präsidentschaftsbewerbern gewesen sei. Das Gegenteil der politisch Etablierten.

 Im Fernsehen und auf Parteiveranstaltungen tauchte aber plötzlich ein Mann aus New York auf mit rüpelhaften Manieren, der im Rennen um das Präsidentenamt einen republikanischen Kontrahenten nach dem anderen ausschaltete. Da hatte Anderson plötzlich einen neuen Favoriten: Donald Trump. „Der Mann zaudert nicht, der redet nicht lange um den heißen Brei herum“, sagt er. „Trump ist einer, der unverdrossen vorprescht, der mit seinem unternehmerischen Erfolg genau das bringt, was unser kaputtes Land braucht.“

 Was aber braucht ein Land, in dem die Arbeitslosenquote auf den tiefsten Stand seit 16 Jahren gefallen ist? In dem 20 Millionen Bürger, die sich zuvor den Arztbesuch nicht leisten konnten, nun krankenversichert sind? In dem es seit den Attacken vom 11. September 2001 keinen vergleichbaren Anschlag mehr gegeben hat? Die Nation wurde in vielen Ländern rund um den Erdball bewundert und beneidet – bis Barack Obama am 20. Januar dieses Jahres die Regierungsgeschäfte an Donald Trump abtrat.

Wäre es in stabilen, wirtschaftlich gesunden Zeiten wie diesen nicht besser gewesen, die frühere Außenminsterin Hillary Clinton hätte die Wahl gewonnen und politische Kontinuität garantiert? Ken Anderson lehnt sich zurück, runzelt die Stirn. „Sie meinen, Amerika sei intakt, gesund und stabil?“, fragt er ungläubig. Er verweist auf die hohe Kriminaltitäsrate in Metropolen wie Obamas Heimatstadt Chicago. Auf die ausufernde Drogenepidemie, den wachsenden Einfluss der südamerikanischen Rauschgiftkartelle und auf die Verbrechen, die von „Illegalen“ begangen werden.

„Trump steht für Recht und Ordnung“, ist der Rentner überzeugt, „er wird die Polizei besser ausrüsten, die Mauer an der mexikanischen Grenze bauen, Rauschgifthändler und die bösen Elemente in unserer Gesellschaft ausrotten.“

Selbst in seiner Religiosität findet sich Ken Anderson beim Präsidenten wieder. Das bedeutet dem Mann, der immer wieder aus der Bibel zitiert, sehr viel. Selbst Trumps zahlreiche Ehen und sein Ruf als Schürzenjäger können ihn nicht erschüttern. „Ein solches Verhalten ist doch völlig normal“, verteidigt Ken das mitunter schlüpfrige Betragen des Präsidenten, der sich selbst als tief religiös bezeichnet. „Auch Abraham hat herumgeschlafen, selbst Jesus tat das, dann darf es auch Donald Trump.“

Wichtiger noch: Der Milliardär trete für die Interessen des „kleinen Mannes“ ein. „Er hat zwar Milliarden verdient, aber als junger Mann auf den Baustellen der väterlichen Unternehmen gearbeitet, das Handwerk des Immobilienunternehmers gelernt und einfache Leute wie uns nicht vergessen“, stellt Ken voller Bewunderung fest.

Auf die Frage, ob er selbst von Trumps Politik, die angeblich Durchschnittsbürgern zu einem besseren Leben verhelfen soll, etwas gespürt habe, er womöglich wirtschaftlich davon profitiert, zögert er. „Nein, noch nicht, ich bewerbe mich gerade als Dirigent bei einem High School Orchester“, sagt er lächelnd. „Daran, dass Trump nichts erreicht, sind die Demokraten Schuld, die alles zu torpedieren versuchen, zuletzt die Gesundheitsreform und demnächst auch die Steuersenkungen“, schimpft der Arbeitslose und schlägt mit der Faust auf den Tisch. „Wenn einer die Blockadehaltung durchbrechen kann, dann ist das ein Typ wie Trump. Dann wird er auch mir helfen, einen vernünftigen Job zu finden.“

Höflich und zurückhaltend hat Kristy Tupfer ihrem Stiefvater bisher gelauscht. Beim Thema Gesundheitsreform horcht sie auf und erzählt ihre eigene Geschichte. Die schmächtige, klein gewachsene Frau wirkt auf den ersten Blick dynamisch und jugendlich, geht aber am Stock und war bereits nach den wenigen Schritten vom Lokaleingang zum Tisch außer Puste.

„Sie fragen sich wohl, was mit mir los ist“, sagt die 47-Jährige und senkt den Kopf. Dann erzählt sie, dass vor fünf Jahren bei ihr eine seltene Muskelkrankheit diagnostiziert wurde. Diese habe zu massivem Muskelschwund geführt sowie dem Verlust einer Niere und zweier nicht lebensnotwendiger Organe, die Kristy Tupfer nicht nennen will.

Seit ihrer Erkrankung ist die gelernte Kreditmaklerin um mehrere Zentimeter geschrumpft, bringt gerade noch 40 Kilo auf die Waage, die Ärzte geben der bemitleidenswerten Mutter noch „ein paar Monate, vielleicht ein halbes Jahr“, sagt sie. „Sie werden kaum einen anderen Menschen in diesem Land finden, der die Folgen von Obamacare deutlicher zu spüren bekam als ich und gewiss nicht auf gute Weise“, fährt Kristy Tupfer fort.

Es begann damit, dass sie als Folge der unter Trumps Amtsvorgänger verabschiedeten Reform der Krankenversicherung nicht mehr frei den eigenen Spezialisten wählen durfte. Kostendeckung durch die Versicherung war nur garantiert, wenn sie einen der Ärzte besuchte, dessen Leistungen von der Gruppenversicherung ihres Ehemannes gedeckt werden. Das wiederum bedeutete regelmäßig mehrstündige Autofahrten in einen benachbarten Bundesstaat. „Das ist gefährlich“, erklärt die Frau, die wegen ihrer Erkrankung unbefristet vom Dienst freigestellt wurde. „Nach 15 bis 20 Minuten am Steuer werde ich schwach und müde, stehe kurz vor dem Einschlafen und bin körperlich restlos erschöpft.“ Auf den mehrstündigen Fahrten setzt sich nun ihr Ehemann ans Lenkrad. Damit aber nicht genug: Mit „Obamacare“ stiegen auch die Versicherungsprämien.

 „Trump versucht wenigstens, dieses schlimme Gesetz zu kippen und für eine Alternative zu kämpfen“, sagt sie. „Was da schließlich drinsteht, interessiert uns weniger. Aber schlechter als mit Obamacare könnte das Leben für uns nicht sein.“

Am 8. November vergangenen Jahres kürten die Wähler in den Vereinigten Staaten den Immobilienunternehmer und Populisten Donald Trump zum Präsidenten ihres Landes. Was denken seine Anhänger heute, knapp zehn Monate nach der Amtseinführung, über ihren Staats­chef: Haben sich ihre Hoffnungen erfüllt, hätten sie mehr
erwartet, sind sie begeistert oder entsetzt? Peter DeThier (Foto), seit 1992 USA-Korrespondent
unserer Zeitung, ist tief in Trump-Land vorgedrungen. Und dabei
auf wenig Kritik und noch weniger Zweifel gestoßen.

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