Wenn Utopie scheitert: Lutz Hübners „Richtfest“-Premiere am LTT

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Snobs treffen auf Öko-Stresser: Jan Jochymski inszeniert Hübners „Richtfest“ am LTT.  Foto: 

Wo sonst passt Lutz Hübners 2012 in Bochum uraufgeführte Bautragödie besser hin als nach Tübingen? Der Stadt mit ihren experimentierfreudigen Menschen in den Bau-, Wohn- und Lebensprojekten im französischen Viertel und auf dem Egeria- oder Güterbahnhofgelände. Oder in der Hechinger Straße, wo versucht wird, solidarische Wohnkonzepte Realität werden zu lassen. Und wer vertreibt sich nicht von Zeit zu Zeit seine Angst vor dem Alter(sheim) mit gewagten Gemeinsam-Wohnen-Phantasien?

Lutz Hübner wiederum greift dieses komplexe Thema mit seinem unterhaltsamen „Richtfest“ auf, in dem es um existenzielle Wohlstandsfragen des Lebensstils und der Wohnpraxis geht. In seinem Stück lässt er einen soziologisch bunten Haufen aufeinandertreffen, da sind die Konflikte natürlich schon in der Planungsphase programmiert.

Zwar wird anfangs noch ganz gesittet diniert, diskutiert und halluziniert, aber schon bevor geklärt ist, ob man denn nun eine „Bau- oder eine Lebensgemeinschaft“ sei, läuft das Ding aus dem Ruder.

Praktisch wie in Kommune 1, nur mit zeitgenössischem Personal. Und so geht es um die Fragen des Zusammenlebens und darum, wie viel Idealismus, Individualismus, Egoismus, Solidarität und finanzielle Zwänge so ein Projekt verträgt, und wie viel jeder bereit ist, für das kollektive Glück zu investieren und sich dabei eventuell selbst zu verleugnen.

Es treffen die verschiedensten Erwartungen, Interessen, Empfindlichkeiten, Lebensentwürfe, Harmoniesüchte und Streitlustigkeiten aufeinander, munter gekreuzt mit finanziellen, architektonischen, bürokratischen und familiären Zwängen, eine muntere und gruppendynamische Gemengelage mit vielen Nebenkriegsschauplätzen.

Da werden Koalitionen geschmiedet, Eitelkeiten verletzt, wird gelästert, intrigiert, versöhnt und verhandelt, bis die Immobilien-Blase platzt.

Die Frage, ob solche Projekte immer scheitern, lässt Regisseur Jan Jochymski offen. Aber er nimmt das Stück jedenfalls recht ernst, unterlegt es mit viel Musik und lässt ansonsten seine Schauspieler agieren, zwischen den mobilen Wohn- und Bauteilen von Ausstatterin Sabine Schmidt.

Diese werden hin und her geschoben, weshalb sich immer neue Räume auftun. Zwischen Heizung, Balkon, Treppe, Bett und Fenster menschelt es sehr. Alle wissen um die Risiken eines solchen Vorhabens und sind deshalb umso nervöser. Allen voran Raphael Westermeier, der als großspuriger, eitler und leicht zu reizender Architekt Philipp der Projektleiter des Bauvorhabens ist und auch selbst drin wohnen will. Leider interessiert er sich weniger für die sozialen Bedürfnisse seiner zukünftigen Mitbewohner, sondern mehr für seinen genialen Entwurf und die Karriere, die er damit starten will. Die Menschen werden sich seiner Architektur schon anpassen, hofft er. Ludger (Andreas Guglielmetti) und seine Frau Vera (Susanne Weckerle) sind die „bourgeoisen“ Snobs der Truppe, finden es aber zunächst schick, sich mit dem Volk zu vermischen, finden die Aldi-Mentalität der anderen aber dann doch ziemlich abstoßend.

Sie verbünden sich mit dem schwulen Musikerpärchen Frank (Thomas Zerck) und Mick (Robin Walter Dörnemann), die mit ihren experimentellen Kompositionen weiteres Konfliktpotential beisteuern. Holger (Rolf Kindermann), Birgit (Sabine Weithöner) und Tochter Judith (Melina Schöfer) repräsentieren wiederum die klassisch bieder-miefigen Öko-Stresser, allen voran Birgit, die eigentlich gar keine Lust auf die ambitionierte Glasarchitektur hat, deshalb die ganze Zeit herumzickt und ihren Mann erpresst.

Bis sich die Gruppe auf eine solidaritätsfokussierte Haus-Verfassung einigt: Da endlich läuft Birgit zu Hochform auf.

Von Anfang an auf dem Egotrip – nicht zuletzt durch gewisse fiskalische Zwänge – sind Christian (Heiner Kock) und Mila (Laura Sauer), die durch Baby und Job total gestresst sind, aber trotzdem unbedingt dabei sein wollen. Nicht etwa wegen der Hausgemeinschaft, sondern wegen der Lage, versteht sich.

Mit der zweiten Schwangerschaft stellt sich die Frage: Kind oder Eigentums-Wohnung? Auch die Transgender-Oma Charlotte sprengt als sensibler Messi und aggressiver Psycho das sensible Unternehmen: Durch ihren Schlaganfall wird die Solidaritätslust der anderen aufs Schwerste geprüft und so kommt‘s, wie‘s kommen muss: Alle gehen aufeinander los, und die Luftschlösser brechen zusammen wie einstürzende Neubauten.

Lutz Hübners Stück Richtfest wird an folgenden Terminen im Landestheater Tübingen (LTT) gezeigt: Am 1.,6. und 7. Juli. sowie am 13., 14. und 15.Juli. Die Vorstellungen im Saal des LTT beginnen jeweils um 20 Uhr.

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