Zwischen Traum und Wirklichkeit

Von der SED- direkt in die Geld-Diktatur: Der Solo-Performer Jan Mixsa spielt in "East Riders" mit fiktiven Ost-Figuren die Folgen der Wiedervereinigung durch. Regie führt Enrico Urbanek. Beide haben Ost-Wurzeln.

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"East Riders": Intendant Enrico Urbanek (links) und Performer Jan Mixsa.  Foto: 

Sieben komplett verschiedene Typen erzählen in "East Riders" ihre Sicht der Dinge: Wie sie die Wiedervereinigung erlebt haben, was vorher war, wie es jetzt ist. Oder, wie es sich angefühlt hat, ständig "in anderen Biographien hineinzuriechen". Es geht auch um die Verunsicherung nach der Wende, als "die Mutter nicht wusste, ob der Sohn bei der Stasi war". Oder "ob er es nur rechtzeitig geschafft hat, alle Akten zu verbrennen".

Es geht also um Systemwechselgewinner und -Verlierer. Und wie's die beiden Ossis - Intendant Enrico Urbanek und Performer Jan Mixsa - noch von früher gewohnt sind: Weil es zum Thema kein geeignetes Stück gab, haben sie es eben selbst erfunden, entwickelt und geschrieben. Beide sind sie ja "Betroffene": Tonne-Chef Enrico Urbanek kommt ursprünglich aus Ostberlin und hat sich im Arbeiter- und Bauernstaat bekanntlich erst mal als Matrose verdingt, bevor er sich der Theaterbranche zugewandt hat. Jan Mixsa ist 1970 in Dresden geboren, war als Jugendlicher weder in der FDJ, noch im Kirchenchor. Anders als beispielsweise Angela Merkel, der es offenbar nicht schwer gefallen sei, beides miteinander zu verbinden, so Mixsa. Er jedenfalls durfte kein Abitur machen, seine Mutter saß wegen "versuchter Republikflucht" zwei Jahre im Gefängnis.

Sein Resümee: "Die, die es im Osten geschafft haben, haben es dann auch im Westen geschafft. Und umgekehrt." So haben die Funktionäre, erzählt Mixsa, fette Pensionen bezogen: "Die Hälfte der Aufbau-Gelder Ost ging dafür drauf, während andere um ihre Rente betrogen wurden." Wie Mixsas Mutter, deren Berufsstand als "mithelfende Ehefrau eines selbständigen Handwerkers" einfach abgeschafft wurde.

Jan Mixsa selbst sieht die DDR so: "Es gab einen klar definierten Feind, der gesagt hat: so sind die Regeln." Da habe er sich "mit Freuden auf die Seite der Bösen geschlagen". Das sei heute natürlich schwieriger, in einer "Diktatur des Geldes". Vor allem, wenn man keines hat.

Aber seine Theaterproduktionen werden trotzdem hin und wieder vom Verfassungsschutz begutachtet. Und so redet sich der Autor, Schauspieler, Puppenspieler, Regisseur und Tausendsassa auch beim "East-Riders"-Pressegespräch gerne mal in Rage über sämtliche Ungerechtigkeiten und Absurditäten, die mit Wiedervereinigung und Kapitalismus einhergehen. Wie die Treuhand als "genial angelegter Großbetrug" den Ausverkauf Ost vorantrieb. Wie die heutige BRD "das reinste Lobbyisten-Marionetten-Gehopse" sei. Und und und. Der "gesamte Zorn" über all dies sei "schön im Stück verpackt".

Denn viel habe sich ja trotz des Systemwechsels nicht verändert, zumindest nicht aus Sicht der Betroffenen. "Ich bekomme drei Punkte in Flensburg, weil mein altes Auto in der Umweltzone steht. Und bei VW betrügen sie im großen Stil" und bekämen dafür noch fette Abfindungen. Aber Jan Mixsa prangert nicht nur an, er hat auch praktische Lösungen parat, zum Beispiel beim Thema Flüchtlinge: "Wenn nur die Hälfte des Milliarden-Gewinns aus den deutschen Waffenverkäufen dafür eingesetzt werden würde, wäre alles finanziert".

Überhaupt, wenn er das Sagen hätte: Die großen (Steuer-)Betrüger à la Ackermann und Zumwinkel würde er auf Mindestrente setzen. Im Stück soll einiges von diesem "Zorn transportiert werden". Die Geschichten der Figuren seien lustig bis todtraurig, aber vor allem "politisch unkorrekt". Als Bühnenfigur "kann man ja alles sagen", so Urbanek. Und so erzählt das "Komprimat" nicht nur persönliche Wende-Schicksale, sondern thematisiert eben auch den gesellschaftlich-politischen Hintergrund.

Alle Geschichten hängen außerdem mit einem zusammengebastelten Moped zusammen, das der alten Oma, dem Ex-Stasi-Mann oder dem Ex-Vopo als "Vehikel zwischen Ost und West, zwischen früher und heute, zwischen Traum und Wirklichkeit" auch dafür steht, wie man sich im Osten in jeder Lage eigentlich selbst beholfen hat. Das Moped dreht sich auf der Bühne im Kreis, was man durchaus mit dem im Stück transportierten Geschichtsbild in Beziehung setzen kann. Die Typen sind alle "dem persönlichen Erfahrungsschatz" der beiden Theatermacher entsprungen. Und kommen "realistisch bis surreal" daher.

Termine - Tickets

"East Riders" mit Jan Mixsa in der Regie von Enrico Urbanek. Premiere (Uraufführung) ist am Donnerstag, 26. November, 20 Uhr, Spitalhof. Weitere Termine: 27. November, 4., 11., 18., 28. Dezember, jeweils um 20 Uhr, außerdem am 6. Dezember, 19 Uhr, und am 27. Dezember, 18 Uhr.

Karten Telefon: (0 71 21) 93 77 0 oder online auf www.theater-reutlingen.de

SWP

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