Zwischen Himmel und Erde

"Wir sind im Glauben darauf angewiesen, die Bibel erlebbar zu machen", sagt Pfarrerin Katharina Dolmetsch-Heyduck. Der meditative Weg vom Abendmahl zum Kreuz auf dem Georgenberg setzt Impulse.

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  • Das gemeinsame Abendmahl unter der alten Kastanie am Georgenberg war am Karfreitag Ausgangspunkt für einen meditativen Kreuzweg. Fotos: Angela Steidle 1/2
    Das gemeinsame Abendmahl unter der alten Kastanie am Georgenberg war am Karfreitag Ausgangspunkt für einen meditativen Kreuzweg. Fotos: Angela Steidle
  • Die Frauen tuscheln unterm Kreuz zu Golgatha: "Nicht so laut, sonst bringen wir uns noch selbst in Gefahr." 2/2
    Die Frauen tuscheln unterm Kreuz zu Golgatha: "Nicht so laut, sonst bringen wir uns noch selbst in Gefahr."
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Diese Geschichte ist lange her: Sie erzählt von einem einfachen Menschen, "der alles gibt für eine Welt, die ihn braucht, aber nicht will", erzählt Pfarrerin Katharina Dolmetsch-Heyduck vor dem meditativen Gipfelgang zum Kreuz auf dem Georgenberg. Am Karfreitag, zur Sterbensstunde Jesu. Der CVJM und die evangelische Gesamtkirchengemeinde Pfullingen hatten eingeladen, "dem nachzugehen, was damals geschehen ist, und wo wir selbst in dieser Geschichte vorkommen".

"Nicht so laut, sonst bringen wir uns noch selbst in Gefahr", mahnt Maria M. hinter vorgehaltener Hand: "Eigentlich hat alles so gut angefangen", "wie viele Menschen waren beeindruckt von dem, was er gesagt und getan hat: Er hat so viel Hoffnung geschenkt. Wie konnte das nur passieren? Ich begreife es immer noch nicht ..."

Kann man es Johannes, Petrus und Jakobus verdenken, dass sie im Garten Gethsemane eingeschlafen sind? "Mein Kopf ist ganz benebelt vom Wein und mein Bauch ist voll vom guten Essen", sagt Petrus. "Hast du das alles kapiert, was Jesus vorher beim Abendessen zu uns gesagt hat", fragt Johannes. Jakobus stimmt zu: "Seltsam war das.". Johannes: "Meint ihr wirklich, dass es so ernst ist. Die haben doch nichts gegen ihn in der Hand!" Nur Jakobus ahnt: "Es sind einflussreiche Leute, die was gegen ihn haben. Den Frommen ist er ein Dorn im Auge." Jesus hat Todesangst. Die Freunde ahnen nichts davon.

Alle zwei Jahre führt der Weg der Pfullinger Christen hinauf zum Georgengipfel. Schon eine Woche zuvor, zum ökumenischen Jugend-Kreuzweg für Konfirmanden und Firmlinge, wird dort von einer örtlichen Schreinerei ein Kreuz aufgebaut, das nachts über der Stadt leuchtet. Für viele Pfullinger ein Zeichen der Hoffnung, dass es in dieser Welt noch ehrlich und achtsam zugeht. Mehr als 230 Sternwanderer trafen sich Karfreitag bei der alten Kastanie am Georgenberg-Parkplatz zum Abendmahl, nahmen sich bei den Händen und sahen sich bewusst in die Augen. Kinder hatten das Schmusetier in den Rucksack gepackt und ein erstes Gänseblümchen hinterm Ohr. Familien, Großeltern und ein paar bunte Hähne traten den Weg in den Garten Gethsemane an. Dort hockten die Schaulustigen schon in den Apfelbäumen und wunderten sich über das biblische Freilicht-Spiel: Im frischen Gras kämpfte Jesus mit seinem Glauben. Drüber zog ein Bussard seine Kreise und setzte sich gegen eine lästige Krähe zur Wehr.

Am schmalen Weg zur Pfadfinderhütte saß bunt bemaltes Federvieh im Gebüsch und Stimmen tuschelten: "Dich kenn ich doch. Du bist doch auch einer von denen!" "Kann ich halten, was ich meinem besten Freund versprochen habe? Habe ich den Mut, zu meinem Glauben zu stehen? Ich bin so erschrocken, wie schnell es gehen kann...." Pfarrerin Katharina Dolmetsch-Heyduck stellte unangenehme Fragen. Das Massaker an den christlichen Studenten in Kenia ereignete sich nur wenige Tage zuvor.

"Wahrheit, was ist Wahrheit? Hier geht es um Recht und Ordnung, nicht um Mitleid. Gesetz ist Gesetz!" Pilatus, das römische Organ der Macht im besetzten Land, riecht hinter diesem Juden Rebellion und Umsturz. Aber auch er hat Angst. Er hält sich raus. Er überlässt einen Unschuldigen "der Gier der Neider und Hasser".

"Und heute", fragt Pfarrerin Katharina Dolmetsch-Heyduck, "wie schnell werden Menschen verurteilt, weil sie unbequem sind, weil sie anders sind. Weil sie uns nicht in den Kram passen. Weil sie unsere Ordnung stören?"

"Golgatha" bedeutet übersetzt die "Schädelstätte". "Es war neun Uhr morgens, als sie ihn kreuzigten", berichtet Susanne. Sie hängten den "König der Juden" "zwischen Himmel und Erde ausgestreckt ans Kreuz". Wie einen Verbrecher.

"Kreuzwege sind Wege, die die Menschen an den Rand der Belastbarkeit bringen", sagt Pfarrerin Dolmetsch-Heyduck, "solange es Kreuzwege gibt, wird auch die Frage nach dem Warum nicht verstummen".

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