Zuflucht im Schutzraum

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Eine Lebensperspektive ohne Gewalt: Die sollte eigentlich selbstverständlich sein. Dass sie das für viele Frauen nicht ist, ist traurig genug. Dass dem Team des Frauenhauses Reutlingen e.V. die Arbeit nicht aus geht, dass sie, im Gegenteil, bisweilen überhand nimmt, ist nicht nur traurig, es ist alarmierend. 60 Frauen und 61 Kinder haben im Jahr 2015 um Aufnahme und Beratung im Reutlinger Frauenhaus gebeten. Das Problem: Die Räume in dem städtischen Gebäude, das seit mittlerweile 35 Jahren als Zufluchtsstätte dient,  sind klein, die Treppen sind steil, „es hat den Charme einer WG der 80er Jahre“, sagt Irene Köpf, die Geschäftsführerin des Reutlinger Vereins, der den heutigen Internationalen Gedenktag „Nein zu Gewalt an Frauen“ zum Anlass nimmt, um darauf aufmerksam zu machen, dass das Thema auch im Landkreis Reutlingen unter den Nägeln brennt.

„Tür auf! Schutzräume für alle gewaltbetroffenen Frauen“ lautet der Schwerpunkt in diesem Jahr. Und die Türen öffnen will das Team um Irene Köpf nicht nur im Frauenhaus, sondern bald auch schon in einer gesonderten Wohnung. Zusammen mit der Stadt Reutlingen und dem Landkreis, die das Konzept für gut befunden haben, sowie der GWG will der Verein Ende Dezember „mit der Wohnung an den Start gehen“, sagt Köpf. „Die Räume sind barrierearm und bieten vier bis fünf Personen Platz“. Vor allem behinderte oder ältere Frauen, die mit den Treppen im Frauenhaus nicht zurecht kommen, aber auch besonders bedrohte Frauen können dort Schutz und Beratung suchen.

Dass es die Wohnung geben wird, ist dem nachhaltigen Engagement des Frauenhaus-Teams, zu dem auch Anja Bohn, Sabine Lommel und Karin Weible-Unger gehören, zu verdanken. Gleichzeitig ist das Gelingen des Projekts aber auch schon allein deshalb erstaunlich, weil die Arbeit des Vereins sich finanziell  äußerst schwierig gestaltet. In Verhandlungen mit dem Landkreis ist es dem Verein immerhin gelungen, die Einzelfall-Finanzierung auf einen Tagessatz von 46,51 Euro festzuzurren.  Was mal 365 Tage und auf 20 Plätze, die es derzeit im Frauenhaus gibt, berechnet jährlich rund 340 000 Euro ergibt. Eine Summe, die dringend nötig ist, weil das Haus im laufenden Jahr praktisch immer voll belegt ist. Auf Spenden ist der Verein freilich nach wie vor dringend angewiesen.

Dass die Räumlichkeiten trotz allem nicht ausreichen, betont indes Karin Weible-Unger. Was schon allein der Schlüssel zeigt, der der Platzzahl-Berechnung zugrunde liegt. Einen Platz pro 7000 Einwohner fordern Frauenverbände. Einer pro 14 000 Einwohner ist es im Kreis Reutlingen. Aber was passiert, wenn eine Frau in Reutlingen anklopft und man ihr keinen Schutz gewähren kann? „Dann versuchen wir sie in einen anderen Landkreis weiterzuvermitteln“, erklärt Köpf.  Was allerdings erneut zum Problem werden kann. Denn ist das Reutlinger Haus belegt, sind es meist auch die Unterkünfte in den anderen Städten. „Manchmal kommen ganz viele Frauen auf einmal, und dann meldet sich wieder zwei Wochen keine“, berichtet die Geschäftsführerin, die sich die Wellenbewegungen, die seltsamerweise landesweit parallel verlaufen, beim besten Willen nicht erklären kann. Dabei wäre es eigentlich wichtig, die Betroffenen in Heimatnähe unterzubringen. „Damit sie ihren Arbeitsplatz nicht verlieren und auch die Kinder in ihrem sozialen Gefüge bleiben und nicht vereinsamen“, so Köpf, die auch weiß: Bis eine Frau die endgültige Entscheidung trifft, ihren gewalttätigen Partner zu verlassen, vergehen oft bis zu sieben Trennungsversuche. „Das Modell der schnellen Trennung greift nur in seltenen Fällen“. Schließlich handle es sich um Liebesbeziehungen. „Und in denen steht das Verzeihen an erster Stelle.“ Weshalb etwa 30 Prozent der Betroffenen auch nur ein bis sieben Tage im Frauenhaus bleiben, andere dagegen suchen sogar bis zu zehn Monate Schutz. Und wenn sie sich dann entschließen, den Mann zu verlassen, „dann finden sie oft keine eigene Wohnung“ – weshalb es im Frauenhaus zeitweise kaum Fluktuation gibt.

Dabei wären eigene vier Wände vor allem für die Kinder wichtig. Wie sehr sie leiden und wie oft sie das „Vorbild“ des gewalttätigen Vaters dann im eigenen Erwachsenenleben nachahmen, das weiß das Frauenhaus-Team nur zu gut. Deshalb hat Sabine Lommel inzwischen auch zwei Psychodrama-Gruppen aufgebaut.  Einmal wöchentlich trifft sie sich mit den Vier- bis Elfjährigen, um auf der Symbolebene Gewalterfahrungen darzustellen. Eineinhalb Stunden stehen dann in den Gruppen,  in denen drei bis fünf Kinder sind, Rollenspiele auf dem Programm, um der häuslichen Gewalt, die gerade auf Kinder „verheerende Auswirkungen haben kann“, zu begegnen. Gleichzeitig gibt es auch für die Mütter eine hochfrequente Erziehungsberatung. Laut Köpf das Non-plus-Ultra, „weil es anders nicht funktioniert“. Das „kleine, feine Angebot“, wie sie es nennt, ist aber nur ein Teil der Arbeit des Teams, das ehrenamtliche Projekte initiiert, Info-Materialien verteilt, Filmabende und Fortbildungen macht und weitere Aktivitäten plant wie Präventionsarbeit und eine Malwerkstatt.

Dass der Erfolg trotz all dem Engagement nicht garantiert ist, und es viele Frauen gibt, die sich entscheiden, weiter in ihren Gewalt-geprägten Beziehungen zu leben, ist für das Team zwar zermürbend, doch ans Aufgeben will keine der Mitarbeiterinnen denken. Auch und vor allem, weil die Zahl der Frauen, die Schutz suchen, nicht zurückgeht.

Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen wird der Reutlinger Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen am heutigen 25. November  von 11 bis 14 Uhr mit einem Infostand am Reutlinger Spitalhof zum Thema Gewalt gegen Frauen über die neusten schockierenden Zahlen informieren. In Deutschland werden immer mehr Frauen Opfer ihres eigenen Partners oder Ex-Partners: Mehr als 127 000 Personen pro Jahr wurden zuletzt Opfer einer Straftat im häuslichen Umfeld, 82 Prozent waren Frauen.

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