Zuerst Pferdekadaver verbrannt

1907 hatte sich in Reutlingen ein "Feuerbestattungsverein" für die Einrichtung eines Krematoriums eingesetzt, berichtete Andrea Bürkle-Chaluppa bei der Themenführung auf dem Friedhof Unter den Linden.

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Fördervereins-Vorsitzender Siegfried Gminder gibt Erläuterungen am Krematoriums-Ofen.  Foto: 

Der Friedhof bei der Katharinenkirche geht nach den Worten von Siegfried Gminder auf das 13. Jahrhundert zurück. "Als 1952 der neue Friedhof an der Römerschanze in Betrieb genommen wurde, war die Begräbnisstätte hier eine ganze Zeitlang geschlossen", berichtete der Vorsitzende des "Förderkreises Friedhof Unter den Linden" am Samstag bei den Friedhofs-Kultur-Tagen während einer Themenführung.

Das Krematorium - dessen 15 Meter hoher Tuff-Schornstein heute noch weithin zu sehen ist - wurde nach den Ausführungen von Andrea Bürkle-Chaluppa 1910 in Betrieb genommen. Zuvor hatte sich an der Achalm ein "Feuerbestattungsverein" von zahlreichen finanzkräftigen Fabrikanten und Handwerkern gegründet. Die Geschichte des Verbrennens von Leichen gehe im Übrigen ganz weit zurück, sogar bis in die Steinzeit, sagte Bürkle-Chaluppa. Trotz der heftigen Gegnerschaft der katholischen Kirche breitete sich der Gedanke - vor allem in evangelischen Regionen - seit der Industrialisierung aus. "Mit ein Grund dafür war wohl die Angst, lebendig begraben zu werden." 1878 entstand das erste deutsche Krematorium in Gotha, 1891 wurde in Heidelberg eines in Betrieb genommen und eben 1910 das vierte in Baden-Württemberg in Reutlingen. 12.000 Mark hatte der Verein an der Achalm gesammelt, um das Krematorium einzurichten, was damals bei einem Durchschnittsgehalt eines Arbeiters von weniger als 1500 Mark im Jahr ein sehr hoher Betrag war, so Bürkle-Chaluppa. Während sich heute rund 65 Prozent der Bevölkerung für eine Feuerbestattung entscheiden, habe zu Beginn des Krematoriums nur ein verschwindend geringer Anteil der Reutlinger diese Möglichkeit gewählt. Die Zeit des Nationalsozialismus dürfe natürlich nicht ausgeklammert werden: 1944 seien Leichen aus den Konzentrationslagern der Umgebung eingeäschert worden - insgesamt 128 Opfer, so Bürkle-Chaluppa. Das Mahnmal, das an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert, birgt im Sockel die Asche der KZ-Opfer.

Der erste Verbrennungsofen wurde noch mit Kohle befeuert, wie Gminder erläuterte. Bei der allerersten Inbetriebnahme im Jahr 1910 "wurden Teile eines Pferdekadavers verbrannt, um zu sehen, ob das auch richtig funktioniert", so Bürkle-Chaluppa. Zwei Gasöfen sind heute noch im Untergeschoss der Aussegnungshalle zu sehen, 1934 wurde der ältere in Betrieb genommen, 1986 derjenige, der bis 2001 in Betrieb war. Die Vorteile der Gasverbrennung: Die Temperaturen im Ofen sind deutlich höher, "was dann übrig bleibt, sind nur noch Knochen und eventuelle metallische Fremdteile", so Gminder. Wie etwa künstliche Hüftgelenke. Nach der Stilllegung des Krematoriums - aus abgastechnischen Gründen - wurde 2002 ein neues auf dem Friedhof Römerschanze in Betrieb genommen. Auch nicht selbstverständlich. Denn in ganz Deutschland gibt's gerade 110 Krematorien.

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