Zauberklause unterm Dach

Zwei Mal war Pfullingen in seiner Geschichte geistiges Zentrum. Felicitas Vogel berichtet über die Zeit als Klostersitz der Klarissen ab dem 13. Jahrhundert und als Treffpunkt großer Namen der Literatur.

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  • Felicitas Vogel mit einer der Langspielplatten, die von Neske herausgegeben wurden. Foto: Burkhard Riegels, Tübingen 1/2
    Felicitas Vogel mit einer der Langspielplatten, die von Neske herausgegeben wurden. Foto: Burkhard Riegels, Tübingen
  • Im Waschhaus sind interessante Exponate zu sehen. Foto: Marie-Louise Abele 2/2
    Im Waschhaus sind interessante Exponate zu sehen. Foto: Marie-Louise Abele
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Es ist ein historisches Kleinod und zeugt von einem geistigen, aber spartanischen Leben. Das Klosterareal und seine noch erhaltenen Gebäude waren vom 13. Jahrhundert bis zur Reformation von den Klarissen bewohnt. Nonnen, die streng nach den Ordensregeln der heiligen Klara von Assisi lebten - kaum eine wurde älter als 28 Jahre. Eine multimediale Ausstellung im alten Waschhaus des Klosters gibt Einblick in das damalige harte Klosterleben und die Geschichte der heiligen Klara. Ein Rundgang durch den Garten und vor allem der Blick in die Klosterkirche mit seinen frühgotischen ornamentalen Freskomalereien und den über Jahrhunderte hinweg erhaltenen Graffitis lässt die Vergangenheit lebendig und spürbar werden.

"Mein Highlight ist das Sprechgitter", erklärt Felicitas Vogel. Es wurde um 1250 errichtet und ist das einzige noch erhaltene mittelalterliche Sprechgitter Europas. Hier mussten sich die barfuß laufenden Nonnen, die schweigend hinter den Mauern lebten, unbequem hinhocken, um in Begleitung zweier weiterer Nonnen mit Klosterfremden zu sprechen. Die wiederum standen auf der anderen Seite und blickten eher zu den Nonnen hinauf.

Dieses Sprechgitter und auch die alte Fabrikantenvilla gleich nebenan schlagen gemeinsam die Brücke zum nächsten geistigen Zentrum. Hier, vis a vis zum Klostergarten, in der Klosterstraße 28, wohnte die Familie Neske, die sich in der Nachkriegszeit vor allem mit dem verlegen und herausgeben von literarischen, philosophischen und politischen Werken einen Namen gemacht hat. Das Sprechgitter war Inspirationsgegenstand für so manches Schriftstück. Heute erinnert eine kleine, liebevoll eingerichtete Bibliothek in den oberen Räumen des alten Wohnhauses noch an die vielen Gespräche mit namhaften Autoren. "Hier ist noch die große Literatur zu spüren", sagt Felicitas Vogel, die mit der 2007 verstorbenen Brigitte Neske eine Freundschaft verband. Nach ihrem Tod machte sich Vogel in Kooperation mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach an den Aufbau der authentischen Ausstellung. Dafür verschwand sie über längere Zeit im Archiv des Klett-Cotta-Verlages, der den Verlag 1993 übernahm, und sichtete den Nachlass der Familie.

Es ist geglückt. So mancher Student, der auf seinen literarischen Erkundigungen den Weg in die alten Verlegerräume findet, spürt noch das Nachwirken, erzählt Vogel. Das alte grüne Cordsofa steht wie kurz verlassen da, wartet erneut auf das entspannte Platznehmen für eine heiße Diskussionsrunde. "Viele Besucher sind einfach nur von der Atmosphäre begeistert." Und auch die Besucher von damals fühlten sich sichtlich wohl. "Das war doch fast wie ein Traum: erst der Garten und das alte Kloster, wo man seinen Kinderträumen wieder begegnete, mit leisem Schmerz. Schwang noch nach, als ich mich dann oben wieder fand, in Ihrer Zauberklause, der Oase unter dem Dach", schrieb Peter Härtling an Günther Neske 1957.

Der Verleger setzte auf Namen wie Martin Heidegger, Ernst Bloch und Ernst Jünger, Walter und Inge Jens, Kurt Georg Kiesinger und auch Herbert Werner, die hier ein und aus gingen. HAP Grieshaber gestaltete das Verlagslogo. Neske habe ein Gespür für Gutes und Wichtiges gehabt, betont Felicitas Vogel. Bis in die 1990er Jahre hatte der Verlag schließlich 430 Bücher herausgebracht, vieles ist jetzt in den Räumen wieder zu entdecken. Außerdem gab Neske Langspielplatten mit Lesungen unter anderem von Heidegger, Ingeborg Bachmann und Günther Grass heraus, erste Hörbücher, die neben verschiedenen Briefwechsel, Bücher, Fotos und Bilder von der damaligen geistig pulsierenden Zeit zeugen.

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