Wohnungsmarkt ist prekär

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Während Thomas Keck (links) die Situation auf dem Wohnungsmarkt beschrieb, konnten zumindest einige Jubilare für ihre lange Mitgliedschaft beim Mieterbund geehrt werden.  Foto: 

Die Situation auf dem deutschen Wohnungsmarkt als „prekär“ zu bezeichnen – das sei ja fast schon eine Verniedlichung, befand Karl Böhmler am Freitagabend während der Hauptversammlung des Mieterbunds Reutlingen-Tübingen in der Betzinger Julius-Kemmler-Halle. Wenn Wohnungseigentümer Eigenbedarf anmelden, „dann riecht das sehr oft nach Missbrauch“, betonte der Vorsitzende des Mieterbunds in der Region. Denn statt der tatsächlichen eigenen Nutzung der Wohnung werde sie oftmals verkauft oder einfach teurer weitervermietet.

Insgesamt sei die Situation auf dem Wohnungsmarkt in ganz Deutschland alles andere als erfreulich, befand auch Thomas Keck. Zwar seien „die Wohnungsneubauzahlen um 29 Prozent auf knapp 278 000 Wohnungen gestiegen“, so der Geschäftsführer des hiesigen Mieterbunds. „Das reicht aber bei weitem nicht aus.“ Notwendig seien jährlich 400 000 neue Wohnungen, „mittlerweile fehlen in Deutschland eine Million Wohnungen, vor allem in Groß- und Universitätsstädten und in Ballungszentren“.

Beim Sozialwohnungsbau gebe es zwar positive Tendenzen, weil die Finanzmittel deutlich erhöht worden seien. „Vom tatsächlichen Neubaubedarf für Sozialmietwohnungen sind wir hier aber noch sehr weit entfernt“, betonte Keck. Benötigt würden rund 100 000 neue Wohnungen pro Jahr, anstatt der zuletzt gebauten 24 500.

Noch viel schlechter als im Bund erweise sich aber die Situation in Baden-Württemberg: Während bundesweit fertiggestellte Wohnungen um mehr als zwölf Prozent zugenommen hätten, sei der Wohnungsneubau im Land um zwei Prozent gesunken. Mit den tatsächlich gebauten 33 000 neuen Wohnungen werde „gerade mal die Hälfte des durch den Einwohnerzuwachs entstandenen zusätzlichen Wohnraumbedarfs“ gedeckt. Und im Sozialwohnungsbau? „Das Pestel-Institut Hannover, berechnet für Baden-Württemberg einen Bedarf von 500 000 Sozialwohnungen“, sagte der Mieterbund-Geschäftsführer. „Weil aber jährlich etwa 4800 Wohnungen aus der Sozialbindung fallen, ist der Sozialwohnungsbestand im Jahr 2016 auf weniger als 57 500 Wohnungen weiter geschrumpft.“

Eine katastrophale Situation also auch für Reutlingen? „Es fehlen insbesondere bezahlbare, preisgünstige Mietwohnungen in sämtlichen Größen“, so Keck. Vor allem Familien im „mittleren und unteren Einkommensbereich mit mehreren Kindern finden kaum mehr adäquate Wohnungen mit vier bis fünf Zimmern“. Mit der Folge: „Familien werden regelrecht aus den Städten verdrängt.“ Allerdings kämen noch weitere Faktoren hinzu, denn aufgrund der guten wirtschaftlichen Situation würden in der Region vor allem in Reutlingen und Tübingen viele Wohnungen gesucht. „Und es gibt den Trend zur Singularisierung“, so Keck – was zu einer verstärkten Nachfrage nach Zwei- und Dreizimmerwohnungen führe. Im gleichen Segment würden auch immer mehr arme alte Menschen nach günstigen Wohnungen suchen, genauso wie „die verarmte untere Mittelschicht“. Genauso wie Geflüchtete würden auch diese Menschen immer mehr günstigen Wohnraum benötigen.

Neben all diesen Informationen gab es am Freitagabend aber auch noch Erfreulicheres: So wurden etwa Jubilare für ihre langjährige Mitgliedschaft geehrt – die im Übrigen dazu beitragen, dass sich der Verein „zu hundert Prozent aus Mitgliedergeldern finanziert, wir erhalten keinerlei öffentliche Zuwendungen“, so Keck. Ganz praktisch wurde es in der Hauptversammlung dann noch mit einem Vortrag über Brandschutz.

Für 25 Jahre Mitgliedschaft wurden am Freitagabend bei der Hauptversammlung des Mieterbunds Peter Epler, Assia Harwazinski, Heinz Kommer, Karl-Günter Krüger, Elisabeth Meser und Hans-Werner Scholz geehrt. Doch es ging noch größer: Rosemarie Schlüntz und Maria Walter sind beide schon seit 40 Jahren Mitglied im DMB Reutlingen-Tübingen.

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