Wohlstand rief die Täter auf den Plan

Im November starb eine 58-Jährige in ihrer Reutlinger Wohnung. Gefesselt und geknebelt, erstickte sie. Wegen Raubmordes steht ein 30-Jähriger vor Gericht. Sein mutmaßlicher Komplize nahm sich das Leben.

|

Der 50-Jährige ging am 30. März in den Freitod, als er sich in U-Haft befand. Zuvor wurde er während seiner Flucht in die Schweiz festgenommen. Wie der 30-Jährige steht er im Verdacht, in der Nacht des 15. November 2014 in die Sondelfinger Wohnung einer 58-Jährigen eingedrungen zu sein, um sie zu berauben. Sie hätten die Frau in ihrem Schlafzimmer überwältigt, gefesselt und mit einem Klebeband Mund und Nase umwickelt, so Staatsanwalt Burkhard Werner.

Nachdem die Männer die Wohnung in einem Mehrfamilienhaus mit einer Beute im Wert von rund 2500 Euro wieder verlassen hätten, sei die 58-Jährige geknebelt zurückgeblieben. Sie erstickte. Für Werner ein heimtückischer, gemeinschaftlicher Mord aus Habgier in Tateinheit mit schwerem Raub mit Todesfolge.

Der Staatsanwalt geht in seiner Anklageschrift überdies davon aus, dass der Überfall auf die Frau geplant war. Beide Männer sind verwandt mit einem Ehepaar, das im selben Haus wohnt, in dem die Frau lebte. Jenes Ehepaar pflegte die Krebskranke mit einer Lebenserwartung von nur noch wenigen Monaten seit knapp einem Jahr. Als Dank erhielten die beiden Harz-IV-Bezieher beträchtliche Geld- und Sachwerte im Wert von rund 300 000 Euro. Die Todkranke übertrug ihnen zudem eine Generalvollmacht über ihre Konten und setzte deren beide Kinder als alleinige Erben ein.

Die Quelle ihres plötzlichen Wohlstands, so Werner, habe sich in der Verwandtschaft herumgesprochen. Nach dem gemeinsamen Besuch einer Hochzeit seien die beiden Männer, sie lebten in der Schweiz und in Tuttlingen, dem Ehepaar nach Reutlingen gefolgt. Unter einem Vorwand ließen sie sich den Schlüsselbund des Paares aushändigen - offenbar wissend, das sich daran auch der Wohnungsschlüssel der 58-Jährigen befand.

In Reutlingen, so der Staatsanwalt, trafen die Angeklagten weitere Vorbereitungen: Sie besorgten sich Mützen, Handschuhe und Klebeband und besprachen ihren Plan, die Frau in ihrer Wohnung zu überfallen. Sie vermuteten dort Bargeldbestände in Höhe von 400 000 Euro und wertvollen Schmuck.

Nach vollendeter Tat und nachdem sie den Tod der Frau "zumindest leichtfertig" verursacht hätten, sei der 50-Jährige geflüchtet. Sein jüngerer Partner hingegen sei zurück in die Wohnung des Ehepaares gegangen. Dort sei er etwa drei Stunden nach der Tat zusammengebrochen und habe sich den Verwandten anvertraut. Die alarmierten Hilfskräfte konnten aber nur noch den Tod der 58-Jährigen feststellen. Eine Reanimation blieb erfolglos.

Der 30-Jährige schwieg am gestrigen Prozessauftakt zunächst zu den Vorwürfen. Sein Anwalt Markus Okolisan kündigte jedoch an, er werde im Laufe des Prozesses Angaben machen und man werde belegen, das er sich nicht des Mordes schuldig gemacht hat. Sein Kollege Andreas Baier legte überdies Einspruch gegen die Verwendung einer ganzen Reihe von polizeilichen Vernehmungen ihres Mandanten ein. Er habe sich damals wiederholt in einem psychischen Ausnahmezustand befunden und stand zudem unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln.

In den Zeugenstand geladen war gestern noch der Leiter der polizeilichen Ermittlungen. Der Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Ulrich Polachowski schilderte er Hintergründiges. So sei gegen das pflegende Ehepaar zeitweise der Verdacht der Unterschlagung im Raum gestanden, nachdem ein Teil des Vermögens der Verstorbenen bis heute nicht auffindbar ist. Gefunden habe man auf dem Balkon der Frau stattdessen Verpackungsmaterial, das auf Drogengeschäfte des Paares hindeuten könne. Entsprechende Ermittlungen wurden aber eingestellt.

Auch über das angeklagte Duo wusste der Ermittlungsleiter zu berichten. Der 30-Jährige habe überstürzt seine Heimatstadt Berlin verlassen, nachdem er dort in eine Messerstecherei verwickelt gewesen sein soll. Sein 50-jähriger Partner, zu Lebzeiten PKK-Anhänger, steht im Verdacht, 1993 eine Frau in Wiesbaden getötet zu haben.

Der Prozess am Landgericht Tübingen wird am 22. Mai fortgesetzt. Es sind weitere vier Verhandlungstage angesetzt. Dem Angeklagten droht bei einer Verurteilung lebenslange Haft.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Frieden gibt es nicht geschenkt

Mit einer Gedenkfeier zum Volkstrauertag in der Aussegnungshalle und anschließender Kranzniederlegung auf dem Friedhof unter den Linden erinnerte die Stadt an die Opfer von Krieg und Verfolgung. weiter lesen