Wo Björk auf Miles trifft

Zwischen querköpfigem Pop und Elektrojazz: Beim zweiten Konzert im neu eröffneten Pappelgarten hat das Quartett um US-Drummer Karl Latham Songs der isländischen Sängerin Björk interpretiert.

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Von Miles Davis inspiriert: Ryan Carniaux übernahm beim Konzert im Pappelgarten häufig die musikalische Führung.  Foto: 

Vier reife, aber ausgeschlafene Herren interpretieren Björks Klangkosmos und bestätigen, dass Experimentierlust auch mit Können und Reife in Verbindung steht. Jedenfalls bieten die vier Musiker einen Auftritt der besonderen Art: Sie spielen im Orschel-Hagener Pappelgarten ausschließlich Stücke der isländischen Sängerin Björk Gudmundsdottir, aber ohne Gesang und stilistisch angesiedelt zwischen dem späten Miles Davis und dem Norweger Nils Petter Molvaer.

Zudem unterlaufen Ryan Carniaux, Nick Rolfe, Mark Egan und Karl Latham die Klischees einer allzu nahe liegenden Standard-Instrumentierung. Ihre Besetzung, Trompete/Flügelhorn, Fender-Rhodes-Piano/Keyboard, E-Bass und Schlagzeug ist eine heutzutage seltene, gleichwohl reizvolle Versuchsanordnung. Man könnte auch von Instrumenten reden, die die Schnittstellen von Fusionjazz und Elektronik ständig umkreisen. Denn auf der einen Seite wird dieser Sound von elektronischen Beats und sphärischen Keyboard-Spielereien aufgeladen, auf der anderen ist da der mal kraftvolle, mal weiche Trompetenton des in Köln lebenden New Yorkers Ryan Carniaux, der Miles Davis ebenso nahe steht wie beispielsweise dem Jazz von Don Cherry oder Isao Tomita. Ein Sound, der Räume herstellt, sie ausfüllt und ins Grenzenlose überführt. Die Collagen, die dabei entstehen, wachsen ins Unermessliche, dehnen sich aus und ziehen sich wieder zusammen, verirren sich an den Rändern, um dann aufs Neue Kontur zu gewinnen.

Dagegen bringt man diese Mischung aus Ambientsounds und Elektrojazz mit Björk weniger in Verbindung. Außer vielleicht, man ist ein glühender Anhänger der isländischen Sängerin. So wie der US-Drummer Karl Latham, der nicht nur Initiator dieses Projekts ist, sondern seit vielen Jahren Björks schrägen Klangkosmos auf Jazzrhythmen herunterbricht. Auch auf dem aktuellen Album "Constellations" interpretiert der Drummer erneut Björk-Stücke wie "Wanderlust", "Desired Constellation" oder "The Dull Flame of Desire" nach seinen Vorstellungen.

Gemeinsam kreiert das Quartett mit seiner mal zartfühlenden, mal brachialen Melange eine nicht alltägliche Musik, die weniger in den Ohren, dafür umso mehr im Sinn bleibt. Während der rastagelockte Keyboarder Nick Rolfe und der längjährige Pat-Metheny- und Gil-Evans-Bassist Mark Egan für die offenen Klangstrukturen zuständig sind, verleiht Ryan Carniaux dem Ganzen mit seinem Trompeten- und Flügelhornspiel die nötige Struktur. Er übernimmt häufig die musikalische Führung, spielt sein Instrument mit einer Fülle an Intonationsdetails. Wiederholt ist auch der Einfluss von Übervater Miles Davis herauszuhören.

Ebenso einfallsreich das Spiel von Schlagzeuger Karl Latham, der seinen Mitspielern schon mal den Rhythmusteppich unter den Füßen wegzieht, um seinerseits die Tempi durchzukonjugieren.

Die jazzmusikalische Umdeutung querköpfiger Popsongs, viel Elektronik und weite Intervallsprünge: Das ist die moderne, die Nu-Jazz-Seite dieses Quartetts. Auf der anderen Seite erkennt man in dem Fender-Rhodes-Piano oder der kraftvoll gespielten Trompete die Jazzexperimente der 60er- und 70er Jahre wieder: Miles Davis zu Bitches-Brew-Zeiten, Lonnie Liston Smith oder den Space-Freak-Out-Jazz eines Sun Ra. Das gefällt zwar nicht jedem, sorgt aber beim Konzert im Pappelgarten vor allem im zweiten Set für ungeteilte Zustimmung.

Nicht umsonst haben es die vier Musiker mit ihrem Björk-Programm in die engere Auswahl des renommierten "BMW Welt Jazz Award" geschafft, bei dem sie am Sonntag in München um den Einzug ins Finale spielten.

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