Wirksamkeit zielgerichteter Medikamente ist oft gering

Personalisierte Medizin: Zielgerichtete Medikamente sollen besser helfen. Das Thema stand im Fokus der Tagung der Arbeitsgemeinschaft der Onkologischen Schwerpunkte und Tumorzentren.

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Das Prinzip klingt verlockend: Anstelle der Behandlung von Krebspatienten mit der unspezifisch wirkenden Chemotherapie einschließlich ihrer belastenden Nebenwirkungen sollen zielgerichtet auf der Basis einer Genanalyse für einzelne Patienten entwickelte Medikamente wirkungsvoll helfen. Doch die Realität zeigt, dass bislang nur wenige Krebsarten auf diese Weise erfolgreich zu therapieren sind.

"Es gibt bereits hunderte zielgerichtete Medikamente", sagte Professor Dr. Stefan Kubicka, Leiter des Krebszentrums am Reutlinger Kreisklinikum. Krebs entsteht, wenn die Krebszelle als Folge von Mutationen durch defekte Signalwege zur Teilung angeregt wird. Spezifische Medikamente greifen zielgerichtet in den Signalweg ein und stoppen so die Zellteilung. "Aber es handelt sich nur bei wenigen Tumoren um eine einzige Mutation, die für den Krebs verantwortlich ist", betonte Kubicka, "die meisten Tumoren weisen zwischen 50 und 200 Mutationen auf". Da die Krebszellen in der Regel aufgrund dieser Vielzahl von Defekten entstehen, ist die Wirksamkeit von zielgerichteten Medikamenten in diesen Fällen oft nur sehr gering. Ursprünglich bestand die Hoffnung der Mediziner, diese Veränderungen insgesamt genetisch zu analysieren und dann gezielt Medikamente einzusetzen. "Aber bei den meisten Krebsarten weiß man nicht, was der Treiber ist", erläutert der Mediziner. Die Hoffnung hat sich folglich nicht bewahrheitet. Um aussagekräftige Studien zu erhalten, gibt es zu viele unterschiedliche Mutationen und damit zu wenig individuelle Fälle.

Dennoch kann eine genetische Analyse dabei helfen, jene Medikamente auszuschließen, die nicht helfen. In der personalisierten Onkologie wird dort, wo klinische Studien vorliegen, nicht das gesamte Genom sequenziert. So kann bei Dickdarmkrebs, je nachdem ob das Ras-Gen mutiert ist oder nicht, eine Therapie mit EGRF-Antikörpern nicht sinnvoll sein oder eben doch. Um in diesem Bereich sinnvoll arbeiten zu können, sind klinische Studien und Langzeitbeobachtungen unerlässlich, unterstrich Dr. Susanne Elsner, ärztliche Geschäftsführerin am onkologischen Schwerpunkt des Kreisklinikums.

Eine Krebsart, die erfolgversprechend mit einem Medikament zielgerichtet in Schach gehalten werden kann ist die chronische myeloische Leukämie. Durch die Behandlung verwandelt sich der Krebs in eine chronische Krankheit. "Die Prognosen sind hier ausgezeichnet", so Kubicka. Auf der anderen Seite bietet die Immuntherapie laut Kubicka vielversprechende Ansätze. Sie wirkt bei einigen der Tumore, die eine hohe Anzahl genetischer Mutationen aufweisen. Das gilt für den Schwarzen Hautkrebs, das Bronchialkarzinom, Leber- und Magenkrebs sowie HNO-Tumoren. "Nur ein kleiner Genabschnitt wird untersucht, ist der instabil, lässt sich das Ergebnis auf den ganzen Tumor hochrechnen", so Kubicka. Mit Antikörpern werden die T-Zellen zu dauernder Funktion angeregt. Im Normalfall werden diese vom Immunsystem zurückgehalten. Der Tumor wird als Fremdkörper erkannt und bekämpft. Allerdings sind Autoimmunerkrankungen als Nebenwirkung nicht zu vermeiden.

Klar ist, dass die Entwicklung zielgerichteter Medikamente mit hohen Kosten verbunden ist. "Damit ist eine solidarische Versorgung nicht mehr zu gewährleisten", warnte Dr. Peter Schwoerer, Vorsitzender des Gemeinsamen Beschwerdeausschusses Baden-Württemberg, der gemeinsamen Prüfstelle der Kassenärztlichen Vereinigung und der Krankenkassen. Die "exorbitanten Kosten" gehen zu Lasten eines allgemeinen freien Zugangs zum Beispiel bei Brillen oder Zahnersatz. Ihm zufolge werden 12 bis 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für das Gesundheitswesen ausgegeben. "Mehr geht nicht", sagte Schwoerer.

Er bemängelte im Übrigen eine mittlerweile "komplett entpersonalisierte Versorgungslandschaft". So gebe es in den diagnosebezogenen Fallgruppen, auf deren Basis die Abrechnungen erfolgen, keine Zeiten für das Gespräch mit Patienten. Letztlich brach Kubicka eine Lanze für die Medizin: "Als Arzt würde ich mich am liebsten von finanziellen Zwängen fernhalten".

Und wie nehmen die Betroffenen das Thema personalisierten Medizin wahr? "Die Patienten sind sehr verunsichert", berichtete Christa Hasenbrink, Landesvorstand der Frauenselbsthilfe nach Krebs Baden-Württemberg. Bei vielen Menschen habe die personalisierte Medizin die Hoffnung hervorgebracht. In Zukunft könne auf allgemeine Behandlungen wie eine Chemotherapie, die bei den Patienten immer auch mit großen Ängsten verbunden sei, verzichtet werden.

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