Winand Victor ist tot

Er war noch voller Freude über das Interesse an seiner Arbeit. Über die großen Ausstellungsprojekte in Stadt und Land. Am Sonntag ist Winand Victor, einer der bedeutendsten Reutlinger Künstler, verstorben.

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Blick in andere Welten: Winand Victor 2011 vor seinem großen Bild "Die schwarze Monstranz". Foto: Archiv/Belanov

Noch vor wenigen Wochen war er mit der Bilderauswahl beschäftigt. Es beflügelte ihn - diese Möglichkeit, noch einmal sein eigenes Werk zu überblicken. Noch einmal zu sichten, die Welt im Spiegel seiner Arbeiten zu überdenken. Die reputierte Kunstmesse Art Karlsruhe hatte im März Bilder von ihm präsentiert, das Wasserschloss Glatt plant im Mai eine große Retrospektive, und die Kreissparkasse Reutlingen richtet im Juli eine Werkübersicht aus. Ein für Victor ereignisreiches Jahr steht bevor: Als wir ihn vor wenigen Wochen auf all diese Pläne ansprachen, lächelte er.

Winand Victor war ein stiller, ein leiser Charakter. Er sprach - anders als viele seiner Kollegen - eher ungern über seine Arbeit. Victor, der "beredte Schweiger": So nannten ihn Freunde. Doch seine Gebrechlichkeit machte ihm zunehmend zu schaffen. Große Ölbilder zu malen, war ihm nicht mehr möglich. Aber dennoch arbeitete er weiter, so gut es ging, an Aquarellen und Gouachen. Nach einigen Klinikaufenthalten in den jüngsten Jahren wollte er, als es ihm vergangene Woche akut schlechter ging, nicht mehr ins Krankenhaus gehen. Jetzt am Sonntagvormittag ist Winand Victor zu Hause in der Ulrichstraße mit 96 Jahren verstorben.

Kein Zweifel, Victor, 1918 im niederländischen Schaesberg geboren und seit 1949 in Reutlingen lebend, war einer der bedeutendsten Maler und Grafiker dieser Stadt. Einer, der zu angesagten Kunstmarkt-Moden immer auf Distanz blieb.

Es ist ein gewaltiges, rund sieben Jahrzehnte umfassendes Gemälde- und Grafik-Oeuvre, das er hinterlässt. Es reicht vom expressiven Realismus des Kriegsheimkehrers über die Großstadtbilder mit verwirrenden Spiegelungen bis hin zu den kühnen kosmischen Visionen der jüngsten Jahre. Hinzu kommen die farbenprächtigen, übers ganze Land verteilten Kirchenfenster, in denen Victor nach Alternativen zur traditionellen Illustration biblischer Geschichten suchte.

Und doch lässt sich in der beeindruckenden Vielfalt seines Oeuvres ein grundlegender Impetus feststellen, der sich durchzieht: Es sind immer wieder die großen Menschheitsfragen, die den Künstler Winand Victor beschäftigen. Victor war und bleibt ein Maler mit Haltung.

Mit dem "Triptychon" (1996) schuf er eine Art "summum opus", das zeitkritisch Bilanz eines Jahrhunderts zieht - flankiert von den Spiegelungen des modernen Alltags findet sich als Herzstück ein Stück Rupfleinen, rau, schrundig, von Verletzungen kündend - ein Sinnbild für die Leiden, Kriege und Katastrophen der Menschheit. Victor nannte es "Das Schweißtuch meines Jahrhunderts".

Wo andere Kollegen sich auf die Variierung eines Markenzeichens, einer Stilmarotte, eines Motivbestands beschränken, überraschte Victor auch im so genannten Alterswerk immer wieder - durch neue, teils radikale Wendungen und Umbrüche. Im neuen Jahrtausend war es vor allem "die Auseinandersetzung mit dem Weltall", die ihn beschäftigte. "In meinem Alter", sagte Winand Victor einmal, "spielt das eben eine Rolle."

Der Kosmos, das All. Planetbahnen, der Sternenhimmel. Lichtflüge und Sonnengesänge: Es waren Blicke in andere Welten, weit über die Begrenztheit des Erdendaseins hinaus. Ob er gläubig sei, wollten wir damals von ihm wissen. Im herkömmlichen Sinn wohl nicht. Wieder sein typisches, vielsagendes Lächeln: Wenn, dann wäre er so etwas wie "ein katholischer Atheist", sagte er seinerzeit. 2011 schuf er "Die schwarze Monstranz", das Bild einer riesigen dunklen Wolke, die Raum und Zeit verschlingt, aber umgeben ist von einem Kranz heller, gleißender Strahlen - Bedrohung und Glanz, Apokalpyse und Verheißung liegen hier dicht beieinander: eine Annäherung an das, was größer ist als das Leben. Eine weitere Wende folgte im selben Jahr: In einem spektakulären Tafelbild thematisiert er "Die Rückkehr des Menschen" - mit einem Motiv, das an Leonardo da Vinci gemahnt. In diesen Bildern spricht Victor, der unabhängige Geist. Der Mahner, der Seher, der Visionär. Vielleicht auch wegen dieser eigenwilligen Haltung sind ihm die üblichen Ehrungen erst spät zuteil geworden: 2006 der Maria-Ensle-Preis, 2008, zum 90. Geburtstag, die Bürgermedaille der Stadt Reutlingen, 2013 das Bundesverdienstkreuz.

Kunstexpertin Karin von Maur formulierte es so: "Unbeirrt von den Meinungen anderer, die seine Wandlungen nicht immer sogleich verstanden, geht er mit innerer Notwendigkeit seinen künstlerischen Weg." Seine Arbeiten hängen in der Albertina Wien, im Kupferstichkabinett Berlin, in der Staatsgalerie Stuttgart, im Overbeck-Museum Lübeck.

Mitterweile sind es 1000 Bilder, die er geschaffen hat, allein die Gemälde, ohne die Grafiken. Es ist ein weiter Weg, den Victor künstlerisch zurückgelegt hat. Der Mensch, die Erde, das All - das waren seine Themen. Winand Victors Freundlichkeit, seine Zurückhaltung, sein vielsagendes Lächeln - es wird uns und allen, die ihn kannten, fehlen.

Beerdigung Freitag, 2. Mai, 11 Uhr, Friedhof Römerschanze, Reutlingen.

Winand Victor - Stationen seines Lebens
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