Wieder ins Blickfeld rücken

Im Sommer hat der Freundeskreis Grieshaber Kurt Femppels neu erstelltes Werkverzeichnis "Kunst am Bau" präsentiert. Am Dienstagabend eröffnete die Kreissparkasse nun die dazugehörende Ausstellung.

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Zahlreich erschienen und prominent war das Publikum am Dienstagabend im Foyer der Kreissparkasse. Andreas Lehmann, Leiter der Abteilung Kommunikation, begrüßte den Vorstand, die Bürgermeister, Landrat Thomas Reumann, den Freundeskreis Grieshaber, die Macher des Buches. Und er gratulierte schließlich dem Autor und überaus vitalen Redner Professor Kurt Femppel zu seinem 80. Geburtstag, den dieser genau an diesem Tag feierte.

Als Margot Fürsts Nachfolger kümmert sich der frühere Personal-vorstand bei Bosch und Porsche seit 2003, dem Todesjahr von Margot Fürst, um HAP Grieshabers Nachlass. Darüber hinaus hat er sich In den vergangenen beiden Jahren mit zunehmender Begeisterung um die Grieshaber-Forschung verdient gemacht und mit detektivischem Spürsinn eine bisher völlig vernachlässigte Seite des bekannten Reutlingers ans Tageslicht befördert: Grieshabers Kunst am Bau, seine Arbeiten im öffentlichen Raum.

Es war daher nahe liegend, das im Frühsommer des vergangenen Jahres neu erschienene Werkverzeichnis dieser Sparte mit einer informativen Ausstellung in der Kreissparkasse zu untermalen. Sich mit seiner Kunst in der Öffentlichkeit zu präsentieren, war dem extrovertierten "homme engagé" Grieshaber schon von jeher wichtig. Politisch wirken, die Welt verändern wollte er mit seinen Grafiken, Illustrationen, Malbriefen, Büchern und Zeitschriften. Darum erscheint das Verschollen- und Vergessensein der überraschend zahlreichen Beiträge aus dem Bereich "Kunst am Bau" heute erst recht verwunderlich.

Es mag zum Teil daran liegen, dass solche Auftragsarbeiten zumindest in den frühen Nachkriegsjahren vorwiegend zum Broterwerb dienten. Sie waren Dekoration, "angewandte Kunst", und Grieshaber musste sich in vielen Fällen nach den Vorstellungen seiner Auftraggeber richten. Naturgemäß können von den wenigen heute noch intakten Beispielen in der Ausstellung nur fotografische Reproduktionen gezeigt werden.

Der Abdruck einer der afrikanischen Baumscheiben "Bubinga", die er 1964 im Auftrag des Regierungspräsidiums für die Freiburger Forstdirektion machte wirkt neben den Fotografien der Holzstöcke wirklich monumental. Ein Fest fürs Auge sind dagegen nicht nur einige großformatige Original-Entwürfe für die Palme Attempto, heute Logo der Tübinger Universität, sondern auch seine in kleinen Glasvitrinen präsentierten handgeschriebenen Briefe, die mit ihrer weit ausschweifenden Kalligrafie schon fast eigene Kunstwerke darstellen. Die Lektüre der Transkriptionen ist spannend und vermittelt einen Eindruck einer Persönlichkeit, die sich auch in Wort und Schrift sehr eigenwillig auszudrücken weiß.

Fast jeder alteingesessene Reutlinger kennt heute zumindest Grieshabers Beitrag für das seit 2013 unter Denkmalschutz stehende Rathaus, den hölzernen Sturmbock mit den tief eingeschnittenen Reliefs zur Stadtgeschichte. Sein 1965 - vor exakt 50 Jahren verfasstes Antwort-schreiben auf die Anfrage des Architekten des Reutlinger Rathauses, Prof. Wilhelm Tiedje - markiert einen Schnittpunkt in Grieshabers Entwicklung als Künstler für den öffentlichen Raum: Schluss mit den "Bezeln", die er bislang geliefert hatte, gemeint sind damit seine bisherigen Sgraffiti, Glasmalerei, Keramik oder Resopal-Unterdrucke für Kirchen, Wohnhäuser, Schulen oder Schwimmbäder, die sich der Umgebung eingliederten und unterordneten. Mit diesem bedeutenden Auftrag wollte und konnte Grieshaber sich selbst und seinem Lieblingsmaterial, dem Holz treu bleiben. Ähnlich monumental waren im Folgenden seine Beiträge für die Weltausstellung in Montreal oder die Kasseler Documenta. Nicht vergessen werden sollte das Wandfries aus 42 Einzelplatten für die Eninger Grieshaber-Halle, das der Künstler zusammen mit seiner Frau Riccarda 1958 gemacht hat.

Die zum Teil großformatigen, aneinander gereihten Fotografien von Grieshabers Kunst am Bau oder im Bau in der Ausstellung können naturgemäß keinen Eindruck von ihrer ursprünglichen Wirkung vermitteln. Dazu fehlt der originale Kontext, Licht und Luft der Umgebung. Und vor allem das Monumentale, die dritte Dimension.

Mit einem Augenzwinkern machte Femppel darauf aufmerksam, dass eine wieder entdeckte vielgliedrige Majolika an einem neuen Ort irgendwo in Reutlingen wieder zu neuem Glanz erstrahlen könnte. Immerhin konnte er im neu gebauten Achalm-Hotel eine schöne Präsentation von Grieshabers Arbeiten sowie von Riccas Fotografien anregen. Auch ein HAP-Grieshaber-Rundweg in Eningen ist in der Entstehung begriffen. Dazu liegt ein großformatiger Flyer des Fördervereins Eninger Kunstwege in der Ausstellung aus.

Das neu vorgelegte Werkverzeichnis mit Beiträgen von Rudolf Bayer, Catharina Geiselhart und Hermann Pfeiffer ist mit Sicherheit noch nicht ganz vollständig, erst vier Wochen nach Erscheinen wurde ein "Lucas-Fenster" in Eningen entdeckt. Ausstellung und Buch können dennoch die Sensibilität für Kunst im öffentlichen Raum anregen und machen neugierig auf weitere Entdeckungen einer Seite Grieshabers, welche so viele Jahre im "Dornröschenschlaf" gelegen hat.

Ausstellung

Die Ausstellung "Kunst am Bau" in der Kreissparkasse Reutlingen ist noch bis Donnerstag, 5. Februar, geöffnet, zu den üblichen Geschäftszeiten der Kreissparkasse.

UF

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