Wieder den Kontakt zu den Kunden suchen

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Über das Thema „Outlet-City und die Region“ diskutierten an der Hochschule Reutlingen (von links): Fritz Haux, Jörg Romanowski, Wolfgang Bauer, Ulrich Fiedler, Jochen Stähle und Moderator Jörg Nowicki.  Foto: 

Unter der Überschrift „Wenn ein Outlet die Region regiert“ diskutierten am Montagabend Vertreter aus Handel, Politik und Wissenschaft an der Hochschule Reutlingen über mögliche Entwicklungsperspektiven nach dem Kompromiss zwischen Tübingen, Reutlingen sowie Metzingen und der Holy AG über die Erweiterung des Factory Outlets. Die Organisation der Veranstaltung des Studiengangs International Fashion Retail lag in den Händen der Studierenden Maja Ruhbach und Lisa Mattmüller.

Grundsätzlich muss sich der Einzelhandel derzeit in einem schwierigen Umfeld behaupten, wie Professor Dr. Matthias Freise von der Fakultät Textil&Design eingangs verdeutlichte. In den vergangenen 15 Jahren sind die Verkaufsflächen um 33 Prozent gewachsen, der Umsatz aber nur um 3 Prozent seit 2006. „Das Problem liegt vor allem im Flächenzuwachs“, betonte Freise. Wie also ist die Ausweitung der Verkaufsflächen im Factory Outlet zu bewerten? Darüber sprachen Wolfgang Bauer, Vorstandsvorsitzender der Holy AG, der Metzinger OB Ulrich Fiedler, Fritz Haux (Reutlinger Einzelhändler, Stadtrat und Vorstandmitglied im Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels), Jörg Romanowski (Vorstand des Handels- und Gewerbevereins Tübingen) sowie Professor Dr. Jochen Stähle (Hochschule Reutlingen) mit Moderator Jörg Nowicki von der Zeitschrift „Textilwirtschaft“.

Heute stehen in der Outlet-City 30 000 Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung, noch einmal 10 000 sollen durch die Erweiterung hinzukommen. Von den 3,5 Millionen Besuchern, die alljährlich nach Metzingen kommen, stammen 40 bis 50 Prozent aus dem Ausland, sagte Bauer. Knapp 20 Jahre nach dem Startschuss sind dort heute 70 Marken vertreten.

Die Stadt hat in dieser Zeit ihr Gesicht massiv verändert, sagte Fiedler nicht nur im Hinblick auf die Architektur in der Innenstadt sondern auch durch die Schaffung weiträumiger Parkflächen. „Verändert hat sich aber auch die Marke Metzingen, schließlich gibt es keine vergleichbare Stadt in unserer Größe mit solch einem internationalen Bekanntheitsgrad“. Von der hohen Besucheranzahl profitiere auch der klassische Metzinger Einzelhandel und seiner Einschätzung nach ist das „touristische Potential“ noch nicht ausgeschöpft. Alle Seiten betonten ihre Bereitschaft, in diesem Bereich an einem Strang zu ziehen.

Romanowski sieht den Einzelhandel in der Region zunächst einmal unter höherem Druck. Dazu tragen ihm zufolge aber auch neue Verkaufsflächen in Stuttgart oder Böblingen bei. Der Trend in Tübingen gehe zu einem verstärkt auf Nachhaltigkeit setzenden Angebot.

„Ich kann gut damit leben“, sagte wiederum Haux mit Blick auf den Kompromiss und rückte den Wertewandel in der Textilindustrie in den Fokus. Derjenige, der eine bestimmte Marke wolle, die jedoch zu teuer sei, gehe eben nach Metzingen. Insofern profitiere das Outlet auch von der Region. Wer eine ausführliche Beratung suche, komme nach Reutlingen. Unterm Strich gelte es, die Probleme regional zu lösen.

„Es wäre gut, wenn sich die einzelnen Gemeinden ihrer unterschiedlichen Ausrichtung bewusst wären“, unterstrich Stähle. Für ihn ist die Textilbranche selbst am Erfolg der Outlet-Center schuld. Guter Service könne sich gegen niedrigere Preis behaupten. Neben der Servicequalität müssten die Städte den Kunden einen Mehrwert über den Einkauf hinaus bieten. „Reutlingen und Tübingen könnten im Übrigen die Anzahl der Outlet-Kunden mangels Parkplätzen gar nicht verkraften“, so Stähle weiter.

Bauer nannte die Einigung eine Voraussetzung für die Standortsicherheit. Vor drei bis vier Jahren sei der Trend zur Premiumware eingeleitet worden. Damit hebe sich Metzingen nicht nur von anderen Outlets ab, sondern die Konkurrenz zum regionalen Angebot verringere sich auch, da im Umkreis von 100 Kilometern diese Zielgruppe viel zu klein sei. Letzlich spüre das Outlet weltpolitische Veränderungen wie zum Beispiel den Ukraine-Konflikt und ziele daher auf Kunden aus möglichst vielen Ländern. Ein touristischer Mehrwert für die Region ergibt sich laut Fiedler allein schon aus der Anzahl von 750 000 durch das Outlet generierten Übernachtungen – nur 50 000 davon entfallen auf Metzingen.

Die touristische Komponente steht für Haux jedoch nicht im Vordergrund. Viel wichtiger ist ihm der Modemarkt an sich. Der Einzelhandel solle sich auf seine Stärken besinnen und wieder  stärker den Kontakt zu den Kunden suchen. Sein Plädoyer: „Wir brauchen Einzelhändler die ihre Waren und den Kunden lieben“.

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