Wider den Akademisierungswahn

Der Schwerpunkt des gemeinsamen Empfangs von Handwerkskammer und IHK lag am Montagabend vor über 500 Gästen in der Stadthalle auf der Krise von beruflicher und akademischer Bildung.

|

Der Auftakt war schwungvoll - drei Tanzpaare des TC Reutlingen stimmten die rund 500 Gästen aus Wirtschaft und Politik auf den gemeinsamen Neujahrsempfang der beiden Kammern in der Stadthalle ein. Als prominenter Gastredner war der frühere Kulturstaatsminister und jetzige Philosophieprofessor Dr. Julian Nida-Rümelin geladen, der mit seinen Thesen vom "zunehmenden Akademisierungswahn", der den Industriestandort Deutschland gefährde, für Aufsehen gesorgt hatte.

Doch zunächst hatte Moderatorin Ute Brucker den neuen Handwerkskammerpräsidenten Harald Herrmann und den IHK-Vizepräsidenten Dr. Thomas Lindner um kurze Statements zu den Auswirkungen der Krisen in Nahost, Syrien oder in der Ukraine auf den Export gebeten. Während das Handwerk eher von der - in den vergangenen Jahren stabilen - Binnenkonjunktur profitiere, kostet die Ukrainekrise den deutschen Maschinenbau eine erhebliche Stange Geld. Lindner, Vorsitzender der Geschäftsführung des Nadelherstellers Groz-Beckert, sah's aber gelassen: "Wir tapferen Schwaben halten durch." Nicht fehlen durfte im Gespräch das Thema "Arbeitskräftemangel". Eine solide, gewerbliche Ausbildung sei für viele eine bessere Plattform als ein gescheitertes Studium, sagte Lindner.

Eine Aussage, mit der auch Julian Nida-Rümelin gut leben kann. Der Philosophieprofessor forderte, sich von einer bestimmten Bildungsideologie zu lösen. Bildung habe die Aufgabe zu differenzieren, ein möglichst vielfältiges Angebot zu offerieren: Dazu gehöre auch, dass in Deutschland nicht 70 Prozent aller Schulabgänger studieren müssten. "Man kann in Deutschland zur Mittelschicht gehören, ohne studiert zu haben". Großbritannien oder Südkorea taugten hier nicht als Vorbilder, sagte Nida-Rümelin und verwies auf Statistiken, die belegten, dass junge Deutsche bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Sein Credo: Unterschiedliche Begabungen führten zu unterschiedlichen Lebens- und Berufswegen. Und alle verdienten Respekt, plädierte Nida-Rümelin für die Gleichrangigkeit akademischer und nichtakademischer Berufe. Wenn das gelinge, sei er zuversichtlich, was die Zukunft angehe.

Nach Nida-Rümelins Vortrag wurde Andreas Schleicher per Videokonferenz aus Paris zu einem Streitgespräch zugeschaltet - ein Novum beim Kammerempfang, das leider an der schlechten Tonqualität litt. Der OECD-Bildungsdirektor, Verfasser des ersten PISA-Berichts, hatte schon mehrfach kritisiert, dass Deutschland zu wenig Akademiker ausbilde. Gestern lobte er zwar das Duale System als wichtiges Standbein der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft, verwies aber darauf, dass sich in den vergangenen Jahren die Voraussetzungen für Meister und Akademiker verbessert hätten, während sie bei Facharbeitern gleichgeblieben seien: "Wer Ingenieur wird, hat bessere Einkommenschancen als ein Mechatroniker." Schleicher forderte daher ein integratives, offenes Bildungssystem und sagte für die Zukunft einen harten Wettbewerb um junge, qualifizierte Menschen voraus.

Zur Person vom 27. Januar 2015

Prof. Andreas Schleicher hatte 2001 die in Deutschland viel beachtete erste PISA-Studie vorgestellt. Seit 2002 trägt er die Verantwortung für das gesamte PISA-Programm der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und arbeitet heute als OECD-Bildungsdirektor in Paris. Auch in der neuesten, erst vor wenigen Tagen in London vorgestellten OECD-Studie, wurde erneut die geringe Akademikerrate in Deutschland bemängelt.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Nach Großbrand auf Gestüt: Experten suchen Brandursache

Bei einem Großbrand in der Nacht zum Mittwoch ist auf dem Gestütshof St. Johann ein denkmalgeschütztes Wirtschaftsgebäude abgebrannt. Experten suchen nun nach der Ursache. weiter lesen