Wettstreit um Nachwuchs

Fällt das Stichwort Fachkräftemangel, verbindet man es zuerst mit den produzierenden Branchen. Dabei geht aberfast unter, dass sich in der Sozialwirtschaft ein weiteres Arbeitnehmerloch abzeichnet.

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Thomas Bader (Geschäftsführer, Landesverband für Prävention und Rehabilitation), Teilnehmerinnen Christina Lede Abal und Melanie Grau, Matthias Hamberger (Einrichtungsleiter, Martin-Bonhoeffer-Häuser), Michael Wandrey (Verein Hilfe zur Selbsthilfe) und Michaela Wurzel Projektkoordinatorin am Standort Reutlingen und Tübingen (von links). Foto: Simon Wagner

Laut einer Studie der Kinder- und Jugendhilfe aus dem Jahr 2011 fehlen bundesweit allein dort bis 2025 rund 333 000 Fachkräfte. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen im Sozialbereich kämpfen vor dem Hintergrund des demographischen Wandels bereits heute um Mitarbeiter - ein regelrechter Wettstreit um Nachwuchskräfte ist entbrannt. Dabei geht es nicht nur um die Zukunft einzelner Einrichtungen in ländlichen Gegenden, sondern ebenso um die Bewältigung eines tiefgreifenden Wandels auch in Ballungsräumen. Der Ausbau von Kindertagesstätten oder des Pflegebereichs führe zu einer "völlig anderen gesellschaftlichen Situation", sagt Matthias Hamberger, Einrichtungsleiter der Martin-Bonhoeffer-Häuser.

Ein "riesiger Veränderungsschritt" nicht zuletzt auch wegen der aktuellen Altersstruktur in den verschiedenen Einrichtungen. Hamberger etwa zählt unter seinen 120 Mitarbeitern ein Drittel Beschäftigte, die heute bereits Mitte 50 oder älter sind - nachrückende Generationen sind schwach vertreten.

Um mehr Arbeitnehmer für die Sozialwirtschaft zu gewinnen und dort auch zu halten, haben sich drei paritätische Unternehmen in Reutlingen und Tübingen seit 2010 zusammengeschlossen. Neben den Bonhoeffer-Einrichtungen auch der Baden-Württembergische Landesverband für Prävention und Rehabilitation (bwlv) und der Verein Hilfe zur Selbsthilfe.

Im Rahmen des Projektes EriS (Erfolgschancen für die Sozialwirtschaft) setzten sie sich zum Ziel, gemeinsam Strategien zur Personalbindung und Personalentwicklung zu konzipieren. Bis Ende 2012 mit 180 000 Euro aus dem Europäischen Sozialfonds unterstützt, wollen sie Berufseinsteigern und Nachwuchsführungskräften Begleitung bieten und damit die Sozialarbeit attraktiver gestalten. Einrichtungsübergreifende Seminare sollen einerseits qualifizieren, andererseits den Teilnehmern deutlich machen: Ihr steht nicht alleine. Besonders junge Bachelor-Absolventen seien heute darauf angewiesen, gut in die soziale Arbeitswelt eingeführt zu werden, betont Michael Wandrey, von der Reutlinger Hilfe zur Selbsthilfe. Regelmäßige Gespräche und nicht nur punktuelle Netzwerktreffen, weiten den Blick und vermitteln Einblicke über den eigenen, beruflichen Tellerrand.

Melanie Grau, eine der 32 Teilnehmer des Einstiegsprogramms, nennt dies "eine weiche Landung". Keine Selbstverständlichkeit, angesichts der vielen Wünsche, die auf sie eingangs eingeprasselt seien. Christina Lede Abal, Reutlinger Streetworkerin, pflichtet ihr bei: "Es bietet eine Hilfestruktur und Orientierung", das Mentoring führe zudem zu einem bewussten Umgang mit persönlichen Fragestellungen, die die Arbeit aufwerfe.

Was für die Teilnehmer des Programms nützlich ist, ist den drei Trägern gerade recht: Sie generieren durch die nun etablierten, regionalen Strukturen ihrerseits Erfahrungen und nachhaltiges Wissen. Strukturen, die auch nach Ablauf der Finanzierung Ende des Jahres beibehalten werden sollen, allein der Umfang ist noch fraglich. Derzeit arbeitet man an einem Konzept, bei dem die Träger etwa die Seminare in Eigenleistung fortführen könnten. Für Matthias Hamberger eine andere Form der Entlohnung für die Mitarbeiter, in Zeiten, in denen die politische Lobbyarbeit der Sozialbranche, zu Gunsten eines neuen Entlohnungssystems, noch keine Früchte trägt. Doch in fünf bis zehn Jahren wird sich die Bewertung der Lage verändert haben, ist er sich sicher: "Davor aber wird sich die Krise noch zuspitzen."

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