Wenn die Natur sich rächt

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„Ruf der Wildnis“ am Landestheater Tübingen – Annette Müller inszeniert.  Foto: 

Das Junge LTT lockt in die Wildnis: Nach dem Roman von Jack London (1876 bis 1916) bringt Regisseurin Annette Müller eine vielschichtige Hundegeschichte über den Natur-Kultur-Komplex auf die Bühne.

Der Mischlingshund Buck wird 1897 als Arbeitstier nach Alaska verschleppt, wo er sich der Gewalt der brutalen Menschen und der anderen Schlittenhunde beugen muss. Aber was nicht tötet, härtet bekanntlich ab. Und so durchläuft er zwischen Schinderei, blutigen Rangfolgekämpfen und unter wechselnden Herren eine erfolgreiche Karriere vom Schlittensklaven und Mitläuferhund zum Leithund. Als solcher gerät er in eine Katastrophe, wird von John Thornton gerettet und erfährt zum ersten Mal in seinem Hundeleben wahre Liebe. Gleichzeitig verspürt er aber den „Ruf der Wildnis“: ein Leben als unverbogenes, unzivilisiertes und atavistisches Naturwesen. Und so schließt er sich letztendlich einem Wolfsrudel an, wo er absolute Freiheit und „authentisches“ Hundsein leben kann – was auch immer das bedeuten mag.

Wir sollten „die Natur respektieren. Sonst wird sie sich rächen“, heißt es am Ende der LTT-Inszenierung. Das kann natürlich jeder unterschreiben. Aber dann flüstert Andreas Laufer als Erzähler ein gruseliges und provozierendes „Wir sollten nicht versuchen, das Wilde zu zerstören“ und: „Wir alle sind Tiere“ ins Mikro. So mündet die Geschichte in eine recht sozialdarwinistisch-biologistische These. Wo man sich ja schon vorher nicht ganz sicher war, wie man Bucks Entwicklung und Identitätsfindung zu deuten und zu bewerten hat. Und so lässt einen das Stück mit vielen Fragen zurück. Sind wir Menschen denn nicht sowieso schon viel zu wild? Denn als Satire auf den Raubtierkapitalismus mit Umweltzerstörung, blutigen Macht- und Revierkriegen, Hass und Ausbeutung taugt die Story allemal.

Annette Müller (Regie), Oliver Kostecka (Ausstattung), Michael Lohmann (Musik) und Susanne Schmitt (Dramaturgie) haben jedenfalls mit vielen tollen Ideen ein sehenswertes und trotz aller Gewalt und Dramatik auch lustiges und selbstironisches Erzähltheaterstück kreiert: eine gehaltvolle Natur-Kultur-Diskussionsgrundlage für Schüler ab zehn Jahren. Die steile „Wir sind alle Tiere“-These wird auch sofort wieder unterlaufen, indem Rupert Hausner als indianischer Wolf und Henry Braun als renaturierter Buck in ihrem multifunktionellen, gläsernen Drehkasten sitzen und als archaisches Wolfsrudel anfangen, Höhlenmalerei zu betreiben – und damit eben jenen Übergang zwischen Natur und Kultur zu markieren, den die Menschheit in ihrer Entwicklung vorgenommen hat, auch wenn sie immer wieder böse Rückfälle in zerstörerische unzivilisierte Zustände erleidet. Und am Ende sich vermutlich selbst ausrottet. Aber sei‘s drum.

Die drei Schauspieler wechseln sich ab mit Erzählen und spielen mal mit, mal ohne Masken sehr wütende und aggressive, aber auch lebenslustige und gütige Hunde und Männer. Andreas Laufer zeigt sich als brutaler Leithund Spitz „falsch, durchtrieben und hinterlistig“, Henry Braun spielt mit kindlichem Enthusiasmus den schlauen und zähen Buck, der beschließt, sich den grenzwertigen Gegebenheiten anzupassen, weil ansonsten der eisige Tod droht. Und wird dadurch selbst ein doofer Leithund.

Die Devise heißt: Unterordnen, Hass und Demütigung aushalten, Kraft demonstrieren, Koalitionen bilden, unterschwellige Revolten und Intrigen anzetteln, die Solidarität im Hunde-Team auflösen. Es kommt zu Leistungsdruck und Erschöpfung bis zum Burnout: Zustände also wie in fast jedem normalen Arbeits-Team im menschlichen Universum. Das Junge LTT bebildert dieses Treiben kreativ und abwechslungsreich mit Schnee, atmosphärischen Filmprojektionen, lustigen Choreographien und antiken Requisiten vor schwarz-weißer Bühnenoptik. Zu aggressiver Punkmusik kommt es mit viel Fingerfarbenblut zu blutigen Kämpfen, es wird gebellt, gebissen, geknurrt, gerauft, geschwitzt, gehungert und geknuddelt. Und wenn sich das Leben mal von seiner lieblichen Seite zeigt, steuert Rupert Hausner sanfte Gitarren-Klänge bei. Als besserwisserischer Südstaatler „Hell“ – „I‘m from heaven“ – liefert er außerdem eine Parodie auf Donald Trump ab – „Ich glaube nicht an Klimaerwärmung“ –, der ohne Sinn und Verstand durchs schmelzende Eis will – ein Himmelfahrtskommando. Naja, wenn man sich das so anschaut: Vielleicht sind wir ja doch alle Tiere.

Die nächsten Termine 22. Juni, 11., 13. 14. und 15. Juli.

Tickets (0 70 71) 15 92 49, E-Mail an kasse@landestheater-tuebingen.de und www.landestheater-tuebingen.de

Letzte Vorstellung Das LTT-Political von Gernot Grünewald und Kerstin Grübmeyer „Palmer – Zur Liebe verdammt fürs Schwabenland“ erlebt am Samstag, 17. Juni, 20 Uhr, seine letzte Vorstellung am Landestheater Tübingen. Helmut Palmer war Querdenker, Aktionist, Bürgerrechtler, Obsthändler, Einzelkämpfer und vielleicht der erste „Wutbürger“. Im Political verkörpern vier Schauspieler mit Puppen Helmut Palmer und erzählen singend seinen leidenschaftlichen Lebensmonolog. Für seine Inszenierung wurde Gernot Grünewald 2015 für den renommierten deutschen Theaterpreis „Der Faust“ in der Kategorie „Regie Schauspiel“ nominiert. Das Palmer-Ensemble wurde in Bensheim mit dem Günther-Rühle-Preis ausgezeichnet. Auch die LTT-Freunde kürten „Palmer“ zur besten Theaterleistung der Spielzeit 14/15.

Termin Samstag, 17. Juni, 20 Uhr, LTT-Werkstatt.
Karten: (0 70 71) 15 92 49, E-Mail an kasse@landestheater-tuebingen.de oder landestheater-tuebingen.de (print@home).

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