Wenn das Piano singt

Glamour, Pomp und schmissige Varieté-Musik: Das alles bot die Philharmonie im Neujahrskonzert - auch ein Wiedersehen mit Ex-Chefdirigent Norichika Iimori. Viel Beifall gab's auch für Olga Scheps am Klavier.

|
Vorherige Inhalte
  • Molto maestoso, heißt es bei Tschaikowski: Die Pianistin Olga Scheps setzte eher auf Feinsinn und Klangkultur. 1/3
    Molto maestoso, heißt es bei Tschaikowski: Die Pianistin Olga Scheps setzte eher auf Feinsinn und Klangkultur. Foto: 
  • Intendant Cornelius Grube. 2/3
    Intendant Cornelius Grube.
  • Katharina Wagner. Fotos: Archiv 3/3
    Katharina Wagner. Fotos: Archiv
Nächste Inhalte

Ja sowas, Sie hier? Es stimmt schon: Bei Neujahrskonzerten erblickt man so einige Nasen, die eher selten bis gar nie bei Philharmonie-Auftritten auftauchen. Es geht halt auch ums Dabeisein und Gesehenwerden. Warum auch nicht, Hauptsache, der Saal war wieder voll. Und die Philharmonie hat es noch immer hingekriegt, zwischen beliebten Klassik-Hits ausgewählte Raritäten und Fundstücke einzuschmuggeln. So auch diesmal.

Wer will, konnte im Programm am Montag in der Stadthalle - mit Bernstein auf der einen, Tschaikowski und Schostakowitsch auf der andern Seite - auch einen west-östlichen Brückenschlag zwischen USA und Russland entdecken: und das in Zeiten, da das diplomatische Verhältnis der beiden Großmächte schon fast wieder Züge der Kalten-Kriegs-Ära angenommen hat.

Wie auch immer, die Philharmonie zeigte zum Auftakt in Bernsteins nur sporadisch zu hörender "Candide"-Ouvertüre, wo's lang geht, und bot unter ihrem Ex-Generalmusikdirektor Norichika Iimori eine schmissige, schwelgerische wie rhythmisch prägnante Lesart. Nur am Rande: Die zugrunde liegende Romansatire (1759) des Aufklärers Voltaire, der Adel, Sklaverei und religiösen Terror anprangerte, wurde einst von der Kirche verboten, indiziert und öffentlich verbrannt.

Und dann hieß es Vorhang auf: für eine der viel versprechendsten Jungpianistinnen derzeit, die 28-jährige, aus Moskau gebürtige Echo-Preisträgerin Olga Scheps. Und für einen der wohl bekanntesten Konzertsaal-Abräumer überhaupt, Tschaikowskis b-Moll-Konzert. Das galt zeitweise als Synonym für pathostriefenden Bombast und wurde deshalb in den 70ern auch schon mal als Titelmusik zu Dieter Hildebrandts "Notizen aus der Provinz" vergackeiert.

Lang ist's her. Doch viele Klassik-Fans haben dieses Konzert als prägende Hörerfahrung im Ohr - etwa mit Van Cliburn, dessen brillante Einspielung anno 1961 mit einer Million verkaufter Platten einen Rekord markierte. 1958 hatte der damals 24-jährige Texaner den Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb gewonnen - und wurde weltweit als strahlender Jungheld gefeiert: ein Triumph der Musik über das betonköpfige Blockdenken der älteren Generation zu Kalten-Kriegs-Zeiten.

Jetzt aber zu Olga Scheps. Die seit 1992 in Köln lebende Pianistin kann zwar auch gewaltigen Tastendonner entfachen. Doch sofort fällt auf, dass sie Tschaikowskis Konzertsaal-Oldie - mal abgesehen von den saftig hingebretterten Des-Dur-Akkorden der Einleitung - tendenziell eher gegen den pompösen Strich bürstet. Und das durchaus im Einklang mit der von Iimori transparent aufgefächerten Philharmonie. In den vertrackt gegeneinander versetzten Hoppel-Läufen kann es auch mal vorkommen, dass sie dem Orchester glatt davongaloppiert.

Sicher, es gab bei ihr ein paar hörbare Unschärfen im Eifer des Gefechts. Doch diese Olga Scheps entdeckt bei Tschaikowski so viel Raffinement, so viel Poesie, so viel melodische Vitalität, dass der scheinbar abgenudelte Schmachtfetzen in einem ganz anderen, ungewohnten, neuen Glanz erstrahlt. Toll die glockenspielhafte Triller-Kadenz. Großartig, wie Olga Scheps das b-Moll-Thema aus der Stille heraus zu weit ausschwingendem Blühen bringt.

Das Orchester kann da mit Iimoris Feintuning meist auf Augenhöhe mithalten - auch in den solistischen Parts: Schön die Oboe, die colla parte mitgehende Klarinette, die Querflöte und das Cello. Im zweiten Satz gelang das Zusammenspiel am besten - hier fast jazzig aufbrausende Klaviersoli, dort zuckerwattig sordinierte Streicher: klangzauberische Momente. Das Finale? Con fuoco. Feurig. Scheps fulminant, und Iimori lässt es krachen.

Keine Frage, da waren Zugaben fällig. Und da demonstrierte die eigenwillige Pianistin vollends, warum sie als Hoffnungsträgerin in der umkämpften Tasten-Branche gilt. Sie bringt das Klavier zum Singen - in Glucks "Reigen der seligen Geister", arrangiert von Giovanni Sgambati, von dem die Philharmonie eine CD einspielt. Und sie rockt die Halle, pflügt im widerspenstigen 7/8-Takt wie eine sture, groteske, aus der Spur geratene Kampfmaschine durch Prokofiews berühmtes "Precipitato" aus op. 83 (1942), eine der so genannten "Kriegssonaten". Wie schlagkräftig das Orchester zur Zeit sortiert ist, bewies Iimori auch nach der Pause in Bernsteins Ouvertüre zur "West Side Story": mit Glamour, gleißender Melodienpracht ("Tonight"), vehementem Schlagwerk-Einsatz und kernigen "Mambo"-Rufen.

Und wer hätte das gedacht, dass Schostakowitschs Suite für Varietéorchester (1940-56), fälschlicherweise lange als "Jazz Suite Nr. 2" tituliert, wunderbar als Kehraus funktioniert, oder, deutlicher gesagt, als Rausschmeißer? In den Walzern schwärmerisch-schwebend, in anderen Sätzen quirlig, rasant, wild (das Xylophon!) und zudem varietémäßig eingefärbt mit Saxophon und Akkordeon. Auch wenn das Karikaturhafte in der Überzeichnung - mal süßholzraspelnd, mal vollpfostenhaft trampelig - zu kurz kam: Es war ein starker Abgang.

War da noch eine Steigerung möglich? Nein. Aber eine Orchesterzugabe, oder wie Iimori zur allgemeinen Erheiterung sagte, ein "kleiner Nachtisch": Das "Jazz-Pizzicato" von Leroy Anderson (der den legendären "Typewriter" komponiert hat) - souverän bluesig beswingt. Sayonara, Norichika Iimori!

Was die Philharmonie so alles plant

Bayreuth Kein Scherz: Auch Katharina Wagner, neuerdings alleinige Festspiel-Chefin am Grünen Hügel, hat sich mit einer Anfrage an die Württembergische Philharmonie Reutlingen gewendet. Vermittelt von Ex-Philharmonie-Chefdirigent Roberto Paternostro (der immer wieder mit der Bayreuther Festspielleiterin zusammenarbeitet), erwog man einen "Fliegenden Holländer" für Kinder in Reutlingen. War leider nicht zu realisieren, meint Intendant Cornelius Grube. Vielleicht ein ander Mal.

Starke Auslastung Es gab zwar keinen Empfang - der wurde, wie berichtet, vorsichtshalber eingespart. Aber Intendant Cornelius Grube verriet unserer Zeitung dennoch, was er beim Empfang gesagt hätte. Mit weit über 90 Prozent Auslastung (bei den Sinfoniekonzerten sind's 100 Prozent) steht die Philharmonie sehr gut da. Die Zahl der Abonnenten hat mit 1340 einen neuen Höchststand erreicht. Auch der Eigenanteil am Etat (6,7 Millionen) liegt mit 23 Prozent mustergültig hoch - viele Theater schaffen nur um die 15 Prozent.

Die C-Frage Wie berichtet, will Ola Rudner seinen bis Sommer 2016 laufenden Vertrag als Chefdirigent nicht ein weiteres Mal verlängern. Insofern stellt sich für die Philharmonie wieder die berühmte C-Frage: Wer wird neuer Chefdirigent? Der Brite Michael Francis, vielen noch von seinem fulminanten Auftritt beim Neujahrskonzert 2014 erinnerlich? Wohl nein, denn Francis tritt im Herbst beim Florida Orchestra an. . .

Auswärtsspiele Die Württembergische Philharmonie hat bekanntlich schon in den weltweit besten Sälen aufgespielt - Musikverein Wien, Suntory Hall Tokyo, Concertgebouw Amsterdam, Philharmonie Berlin. Diese Reihe hochkarätiger Einladungen reißt auch 2015 nicht ab. Geplant sind Gastspiele in der Alten Oper Frankfurt, in der Tonhalle Zürich, im Konzerthaus Dortmund, im Herkulessaal München (mit Top-Geigerin Viviane Hagner) und in der Philharmonie Köln. Beim Stuttgarter Kirchentag bestreitet die WPR mit der Gächinger Kantorei unter Hans-Christoph Rademann gar eine Uraufführung des beliebten Neutöners Martin Smolka. Eine Italien-Tournee wird durch Genua, Modena, Foligno und Ravello führen - mit dem renommierten chinesischen Pianisten Melvyn Tan. Ganz neu: Erstmals wurde das Orchester auch fürs Mallorca-Musikfestival angefragt.

Sitzordnung Nach letzten Experimenten (zweite Geigen rechts im Dezember) scheint die Feinabstimmung in Sachen Sitzordnung und Akustik abgeschlossen zu sein. Als Optimum gilt für die Stadthalle: Die Bratschen sitzen rechts.

Finanzen Noch im Herbst war die wirtschaftliche Zukunft der Philharmonie von Unsicherheiten geprägt: Auch deshalb sparte man vorsichtshalber den Neujahrsempfang ein. Wie berichtet, hat man sich mittlerweile geeinigt: Die Philharmonie wird künftig steigende Mietanteile an die Stadthalle zahlen müssen. Aufgrund der angespannten Finanzlage sind auch die Reutlinger Musiktage erstmal "auf Eis gelegt", so Grube. Der Intendant plant eher, nach dem Erfolg der Reihe "Fokus Türkei", Konzerte mit Blick auf ein migrantisches Publikum.

OTTO PAUL BURKHARDT

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Perspektive für den Leuchtturm

Mit der Zusage, die Arbeit der Reportageschule ab dem Jahr 2018/2019 mit einem Zuschuss von jährlich 150 000 Euro aus dem Weiterbildungsetat dauerhaft zu fördern, „hat unsere Schule eine Perspektive“, freut sich Bausch. weiter lesen