Wenn beim Schalmeienzug die Würfel fallen

30 Jahre Spielmanns- und Schalmeienzug, 30 Jahre Sternwürfeln, über 30 Teilnehmer am Tag vor dem "Öbersten", also Dreikönig: In drei Gruppen würfelten die Musiker um das achtzackige Mürbteig-Gebäck.

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Wohin die Würfel auch fallen: Am Ende werden die erfolgreichsten Würfler jede Menge mürbes Hefegebäck nach Hause tragen.  Foto: 

Die Würfel rollen im Namen des "Nacket's Luisle, und ein "langer Entenschiss" ist ebenso dabei wie "der Wächter, der vom Turme bläst". "Sieben frisst" gehört auch zu den bevorzugten Varianten, wobei das nichts mit Kannibalismus zu tun hat. Über 30 Mitglieder des Spielmanns- und Schalmeienzuges frönten der Tradition am Montag in ihrem Vereinsheim, viele andere Vereine der Stadt in allen nur verfügbaren Lokalitäten der Stadt - mit und ohne Küche.

Fast alle Pfullinger würfeln um die güldenen, wohlschmeckenden "Sterne" am Abend vor Dreikönig, die Reutlinger tun das erst morgen, am 8. Januar. Die Ausgangslage: Bei Bäckern werden die Sterne (in Reutlingen Mutscheln) schon ein paar Tage zuvor bestellt, in allen Größenordnungen. Da kommt es dann schon vor, dass der Sieger ein Prachtstück mit über einem Kilogramm nach Hause trägt. Und dessen Familie weiß dann, was die Unterlage der Marmelade an den kommenden drei Frühstückstagen sein wird. Verkommen lässt man nichts.

Carmen Dewald, Vorsitzende des Spielmanns- und Schalmeienzugs, streut zu Beginn erst einmal Nahrung fürs Hirn in Form von allerlei Süßigkeiten auf den langen Tisch. Denn beim Sternwürfeln, auch "Sternpaschen" genannt, gibt es lange Listen, auf denen eigens dafür Beauftragte den von ihnen errechneten Punktestand peinlich genau notieren. Zuvor gekaufte Mutscheln sind der Einsatz für das Spiel. Drei Gruppen sind's geworden, die sich am Tag vor dem Öbersten zusammengetan haben, jedoch entweder zufällig, oder aus Neigung nicht besonders bunt zusammengewürfelt: Da ist das Team der Herren, meist höhersemestrige, ein Team der Damen - und die Jungen sind auch fast alle unter sich geblieben.

Der zehnjährige Michael, solange er denken kann auch schon mit von der Partie, notiert die Namen der Mitspieler am Tisch der jungen Leute, also etwa der so bis 40-Jährigen. Julia (28) berichtet, heuer die Seiten gewechselt haben: "Ich war schon in Reutlingen beim Mutscheln, jetzt bin ich zum Sternwürfeln zum ersten Mal hier dabei."

Heidrun (31) tritt in Pfullingen auch als Novizin an. Jedoch kennt sie schon das Spiel "der Wächter bläst vom Turm". Es ist bei allen Sternwürflern beliebt, obwohl es in Zeiten erhöhter Infektionsgefahr gespielt wird. Ein Würfel wird dabei vom Becher heruntergeblasen.

Die Entstehung des Namens ist übrigens umstritten. Kommt der Begriff aus dem Mittelhochdeutschen, wo das Wort "Mutschel" das "kleine Gebäckstück" war? Oder ist's doch der Reutlinger Bäcker namens Albrecht Mutschler gewesen? Der soll die Mutscheln schon im 13. Jahrhundert erfunden haben. Wie auch immer: Die Spiele und deren Namen haben sich seit Jahrzehnten nicht mehr verändert, da sind die Sternwürfler konservativ.

"Wir würfeln um die Sterne nun schon seit 30 Jahren, solange es den Verein gibt", sagt Dewald. Zunächst in Gaststätten, die auch am Montag wieder gut besucht waren. Und seit zwei Jahrzehnten haben die Musiker, die gestern auch beim Häsentstauben der Narren aktiv waren, ihr Vereinsheim im Farrenstall an der Friedrichstraße. Vier Mal Deutscher Meister waren sie schon - und elf Mal Baden-Württembergische Champions. Doch beim fröhlichen Sternwürfeln gibt es solche Rankings freilich nicht.

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