Was, wenn älle so wäret?!

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  • Sprüche, wohin das Auge blickt: Helmut Bachschuster inmitten dessen, was die Edizio Käpsele so zu bieten hat. Foto: Evelyn Rupprecht 1/2
    Sprüche, wohin das Auge blickt: Helmut Bachschuster inmitten dessen, was die Edizio Käpsele so zu bieten hat. Foto: Evelyn Rupprecht Foto: 
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    Zum Beispiel diesen Spruch. Foto: 
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Wenn no älle wäret, wie i sei sodd“. Ach! Ond wie wäret die älle, wenn se so wäret, wie se sei soddad? Anders gefragt: Wie muss er denn nun sein, der Schwabe? Nachdenklich wiegt Helmut Bachschuster den Kopf hin und her. Das flotte Sätzle ist zwar sein Lieblingssprüchle, aber Klischees will er sich und den anderen Leuten im Ländle ersparen. Mundart in allen Ehren. Aber sonst? Doch apropos sparen: Das sollen sie ja können, die Württemberger. „Und ich kann es eigentlich auch. Wenn es sein muss. Aber eher nur dann“, gesteht der Pfullinger ein. Und Linsen mag er. Zumindest die, die seine Frau kocht. Damit hat sich’s auch schon mit dem, „wie ma sei sodd“ oder im Optimalfall „sei kennde“ als Schwabe. Schließlich ist ja auch das Ländle letztlich Teil des globalisierten Ganzen. Enges, in württembergische Grenzen gepresstes Denken scheint da eher antiquiert. Weltoffen sollten seine Landsleute sein, findet der Künstler. Und zu ihrer Mundart stehen sollten sie.

Helmut Bachschuster, inzwischen ein Mittsechziger, ist als Sohn fränkischer Eltern in Degerloch zusammen mit Flüchtlingskindern aufgewachsen. Schwäbisch hat er erst dort gelernt, wo andere sich mit Hochdeutsch abmühen: in der Schule. Seitdem allerdings ist er dem Dialekt verfallen, mittlerweile verdient er sogar Geld mit seinem Schwäbisch. Die Karriere als Grund- und Hauptschullehrer an der Pfullinger Burgweg-Grundschule hat er 2001 an den Nagel gehängt. Den Grundstein fürs Verlassen des sicheren Beamtendaseins und das Vordringen in die kleinkünstlerische Selbstständigkeit hat er freilich schon lange davor gelegt: 1993 ist er zum ersten Mal mit dem acht Jahre jüngeren Matthias Knodel aufgetreten.  Ein kongeniales Duo erblickte damals das Licht der Welt: Knoba Sörwiss war geboren. Ort der Niederkunft war ein Gaukler-Festival in Feldkirch, wo Knodel (Kno) und Bachschuster (Ba) ihre Berufsschwerpunkte als Koch und Kommunikationstrainer und als Zirkuspädagoge zu einem Service, mundartlich: Sörwiss, ausbauten.

Seitdem hat Knoba-Sörwiss schon über 1000 Mal das Komiker-Duo gegeben. Unter anderem bei Hochzeiten, Firmenfeiern, Geburtstagsfesten, aber auch bei Messen, in Restaurants und als Walking Act beim Stuttgarter Weindorf. Die Orte ihrer Auftritte müssen „halt irgendwas mit Essen und Trinken zu tun haben. Und wenn’s auch nur Häppchen gibt“, erklärt Helmut Bachschuster die Basis, ohne die Knoba Sörwiss nicht arbeiten und vor allem nicht witzeln kann.

Die beiden Kellner gehen an die Tische, nehmen die Gäste auf die Schippe, helfen den echten Serviceleuten und geben sich komödiantisch bis in die Haarspitzen hinein. Die stehen bei Matthias Knodel, wenn er kellnert, gut durchgegelt zu Berge, während sie bei Helmut Bachschuster glänzend am Kopf kleben. Weiße Schürzen, weiße Hemden, schwarze Fliegen und weinrote Westen: Das ist die Ausstattung der klamaukenden Kellner.  Ergänzt wird sie durch Handwerkergürtel, in denen sich Pistolen und Ministaubsauger, Mäuse in Schachteln, Hustendrops, Kleinst-Ventilatoren und Schnupftabak befinden. Sie alle und noch sehr viel mehr Utensilien kommen spontan zum Einsatz. Einen Plan hat Knoba-Sörwiss nämlich nicht. „Man muss reingehen, die Antennen aufstellen und sich in die Situation einbringen“, erläutert Bachschuster das Rezept für einen gelungenen Auftritt. Froh ist er allerdings, wenn am Tisch serviert wird. „Weil, wenn’s Buffet-Essen gibt, sind die Leute mehr damit beschäftigt, als mit uns“.

Die Erkenntnis, dass „Musik und Komik was Weltverbindendes sind“, hat der Pfullinger im Jahr 2007 gehabt. Damals waren die Knobas nach Singapur eingeladen. In der deutschen Botschaft wurde der Tag der Deutschen Einheit gefeiert. Mit Künstlern, die in diesem Fall schwäbische Komiker waren. Das, sagt der Pfullinger, war der bisher interessanteste Auftritt überhaupt. Einer, bei dem das Duo agiert hat wie bei anderen Events auch: Viel Pantomime, nix sprechen, und wenn, dann erst ganz am Schluss und dann nicht reden, sondern singen. Weshalb Bachschuster sein Schwäbisch bei Knoba nicht wirklich ausspielen kann. Seine wahre Dialekt-Heimat ist eine ganz andere: die Edizio Käpsele.  Die erscheint im „Landauf.landab.verlag“ und lässt ihre Produkte hauptsächlich im Buchhandel vertreiben.

„Wir haben ein ganzes Sammelsurium an Sprüchen aufgebaut und geschaut, was da an Sachen dazupasst“, schildert der 65-Jährige das Prinzip Käpsele, bei dem er einmal mehr mit Matthias Knodel zusammenarbeitet und das unter anderem auf Hermann Fischers Schwäbischem Handwörterbuch basiert. Aber auch auf Sprüchen, „die wir so gefunden haben“.  Denn: „Mundart steht allen zur Verfügung“, sagt Bachschuster. Und was zur Verfügung steht, „wird genommen“ und schwarz auf gelb gedruckt. Denn die Käspele-Sprüche in den Landesfarben, das ist für Bachschuster ein Muss.

Lieblingssprüche? Da beschränkt sich der Kleinkünstler auf den einen: „Wenn no älle wäret, wie i sei sodd“. Den zitiert der Pfullinger nicht ohne Grinsen im Gesicht. Als Postkarte gibt’s das flotte Sätzle, das die innerliche Abkehr von der Perfektion in Worte fasst. Freilich verewigt sich die „Edizio“ auf Einkaufstaschen („Mir kaufet nix, mir gugget bloß“), auf Autoaufklebern („Koine Kinder mit saublöde Name an Bord“), auf Tassen („Hogga ond drengga isch besser wia stande ond schaffa“) und auf Servietten („Schmeckt fei saugut“). Selbst eine schwäbische Leonarda haben Knodel und Bachschuster, die zwischendurch auch noch die Kulturprodakschn GbR gegründet haben, entworfen.  Über ein „Ärschle“, ein „Göschle“  und ein „Näbele“ verfügt ihr Körperle, das auch ein „Bixle“ an jener Stelle hat, an der dem schwäbischen Leonardo (auch den gibt es!) der „Zipfl“ knapp unterm „Ranza“ entwächst.

Das Schwäbische, so viel steht fest, ist für Helmut Bachschuster eine Spielwiese. Ein Stück Heimat, die er übrigens gar nicht so sehr als Bundesland, sondern vielmehr als Region definiert wissen will. Die Alb mit ihrer imposanten Natur, die Produkte, die vor Ort erzeugt werden, der Dialekt mit all seinem Witz: All das lässt den Pfullinger auch auf seiner Suche nach neuen alten Worten nicht ermüden. Kürzlich erst hat er in Rübgarten und Gniebel den „Sufor“ entdeckt. Ein Begriff, der offenbar einem russischen General zu verdanken ist, der, so vermutet Bachschuster, „wahrscheinlich Suwrow oder so hieß“.  Übersetzt vom Schwäbischen in die Hochsprache bedeutet Sufor übrigens Gummistiefel. Vielleicht das nächste Utensil, mit dem Bachschuster knoba-sörwissender-weise kellnern geht. Weil mit em sufor wär der Bachschuster a bissle mehr so wie er sei sodd, damit älle so wära kenndad wia eigentlich koiner isch.

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