Wanderer zwischen den Welten

Mal hochdynamisch und süffig, dann wieder sanft und gefühlvoll: So präsentierte sich das New Yorker Jeremy Pelt Quintet zum Saisonstart 2012/13 in Ulli Koebes Lichtensteiner Daylight Loft Studios.

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Der New Yorker Trompeter Jeremy Pelt in Lichtenstein. Foto: Jürgen Spiess

Hat sich die Band etwa noch nicht warm gespielt? Sind die Musiker ein wenig ausgelaugt vom vielen weltweiten Herumtouren zwischen New York, Amsterdam und Unterhausen? Oder liegt es einfach daran, dass Veranstalter Ulli Koebe zur Pause das Piano etwas lauter und den Bass etwas leiser gedreht hat?

Jedenfalls scheint in der zweiten Hälfte geradezu ein Ruck durch die gesamte Band zu gehen. Plötzlich hört sich der Jazz des Jeremy Pelt Quintet nicht mehr nur souverän und routiniert an. Vielmehr wird offensichtlich, dass der New Yorker Trompeter weit mehr ist als ein solider, straighter Hardbopper. Wird klar, dass ihn nicht nur der Jazz interessiert, sondern viel mehr: die ganze Palette afroamerikanischer Musik, also der Funk, der Soul, der RnB, der Bebop. Davon erzählt nun plötzlich jede Phrase, jeder Takt, jede Harmonie.

Jeremy Pelts Jazz ist uramerikanisch, kunstvoll konstruiert, mit dem Ziel der Betörung des Publikums. Seine Combo ordnet sich dieser Idee unter und leistet Überzeugungsarbeit. Der ehemalige Sideman von Roy Hargrove, Greg Osby und Cassandra Wilson scheint sich von den Fesseln gelöst zu haben, die das Jazz-Establishment ihm einst auferlegte, als es ihn schon als Nachfolger von Clifford Brown und Freddie Hubbard feierte.

Nun, im Alter von 35 Jahren, hat er sich vom Retro-Diktat befreit, das einen großen Teil des amerikanischen Jazz beherrscht, und ist einen Schritt weiter gegangen. Nach vorne. Und kann es sich leisten, dabei auch zurückzuschauen.

Dafür haben sich auf der Bühne des Fotostudios fünf Musiker versammelt, die den Jazz in seiner wohlklingenden Form als zentrales Erbstück schwarzer Hochkultur verstehen und im Bewusstsein der Öffentlichkeit als Kunstform zu etablieren versuchen: Neben Jeremy Pelt sind das der Tenorsaxofonist JD Allen, Pianist Danny Grissett, Kontrabassist Dwayne Burno und der rastagelockte Drummer Gerald Cleaver. Dabei sucht Pelt wie früher schon sein großes Vorbild Miles Davis nicht penetrant die Bühnenmitte, sondern tritt immer wieder zurück, steht dann am Bühnenrand und hört zu, wie sich die Energien entwickeln, um ihnen dann eine Richtung zu geben.

Der in Kalifornien geborene Trompeter und Flügelhornist kann dem Geburtstagskind Danny Grissett am Klavier große Freiheiten einräumen, die er vor allem in der zweiten Hälfte des Konzerts expressiv nutzt. Er kann seinen Saxofonisten JD Allen hitzige Hardbop-Phrasen spielen lassen, über die er sich schwebend erhebt. Er kann auch alles auf fließenden Balladenjazz herunterfahren - und dabei der unumstrittene Leader bleiben. Er kann lässig am Piano gelehnt beobachten, was von allen Seiten in sein Jazz-Universum hineintönt.

Vor allem aber kann er die Zuhörer mit seinem mächtigen, warmen Ton auf der (mikrofonlos gespielten) Trompete in ein rhythmisch pulsierendes Hardbop-Wunderland mitnehmen. Er kann elegant spielen, weich, geschmeidig, warm, aber auch zupackend, bissig, rau, fordernd. Er kann, na ja, nicht alles. Aber doch ziemlich viel.

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