Wahrheit hin oder her

Der neue LTT-Oberspielleiter Christoph Roos lässt in Ibsens modernisiertem "Volksfeind" die Beteiligten auf einem Luftkissen nach Haltung suchen. So wird das Stück wortwörtlich zum politischen "Schwank".

|
Das LTT startet mit Ibsens zeitlos aktuellem "Volksfeind".  Foto: 

Der SPD-Slogan "Das Wir entscheidet" prangt im LTT als großer Schriftzug. Und das hinter einer Szenerie, in der Macht, Moral und Massenmeinung, Kapitalismus, Ökologie, Verantwortung und Korruption, Reform und Revolution gegeneinander ausgespielt werden.

Henrik Ibsen hat seinen großen Fragenkomplex im "Volksfeind" auf den theatertauglichen Mikrokosmos einer kleinen Kurstadt heruntergebrochen: Der Kurarzt und Querulant Dr. Thomas Stockmann weist im Wasser des florierenden Kurbads gefährliche Bakterien nach. Die Lokalpresse ist zunächst skandalbegeistert, richtet sich dann aber lieber nach denen, die grad den Geldbeutel offen haben. Alle andern fürchten um den Wohlstand ihres Städtchens und wollen um das Gutachten den Mantel des Schweigens hüllen. Fazit: Zeitlos aktuell.

Vor allem Thomas' Bruder Peter belabert, erpresst und schmiert als Stadtrat sämtliche Beteiligten so lange, bis sich alle gegen den Arzt stellen. Der Plot erinnert ein wenig an Fernsehszenen, in denen Politiker demonstrativ in strahlen- oder giftverseuchte Äpfel beißen, um zu beweisen, dass sie nicht sofort tot umfallen. Andererseits ist für ein Städtchen wie Tübingen kaum vorstellbar, dass die Bevölkerung nicht völlig hysterisch auf so ein Gift-Gerücht reagieren würde. Aber schließlich geht es um grundsätzliche Fragen: Ist die Masse wirklich so dumm, wie sie tut? Hat die Mehrheit grundsätzlich Recht? Ist der kapitalistische Mensch per se böse? Und wo zum Teufel steckt die Wahrheit, wenn man sie braucht?

Das neue LTT-Team Christoph Roos (Regie), Peter Scior (Bühne) und Stefan Schnabel (Dramaturgie) jedenfalls holen aus dem "Volksfeind" alles raus, was er an zeitlosen Fragen so drauf hat. Sie lassen eine sympathisch beschnittene, modernisierte Diskurs-Version von Florian Borchmeyer spielen.

Es gibt auch zwischenmenschliche Nebenkriegsschauplätze wie den Bruderzwist, den die Regie so körperlich wie psychologisch ausspielen lässt. Ansonsten wird hauptsächlich diskutiert und beleidigt. Die Schauspieler geben sich entsprechend kämpferisch, idealistisch, reißerisch und enthusiastisch wie Raphael Westermeiers Volksfeind, der sich vorkommt wie der einzig Vernünftige im Käfig voller geld- und machtgeiler Narren.

Mit seinen anfänglich noch solidarischen Mitstreitern von der Lokalpresse spielt er in einer RocknRoll-Band programmatische Kampfsongs von "Rage Against The Machine": ein Wahrheits-Prophet. Sein Bruder Peter (Rolf Kindermann) repräsentiert den leicht verkrampften, spaßfeindlichen und aufs Ökonomische fixierten Lokal-Vip, dessen Steifheit auf dem Luftkissen für lustige Moves sorgt.

In Sachen Kampfgeist und Sturheit sind sich die beiden Brüder sehr ähnlich. Während Peter munter herumdiktatorisiert, nimmt auch Thomas Wahrheitswisserei immer faschistoidere Züge an: Man müsse diese neoliberalen Geldgeier einfach "alle ausrotten", findet er.

Währenddessen staksen alle Beteiligten auf dem Luftkissen in Wasserbettoptik hin und her, verlieren immer mehr an Bodenhaftung und Haltung. Die Matratze, die alle zum Schwanken bringt, verliert immer mehr Luft, so dass die Protagonisten immer stärker wanken, wackeln und tiefer sinken, vor allem moralisch: Patrick Schnicke als Hovstadt gibt zuerst den Mitrevolutionär, um sein Blättle wieder auf Vordermann zu bringen, fällt dann aber um wie ein Reissack in China.

Noch käuflicher ist Luka Umlaufts scheinheiliger Phrasendrescher Billing. Gotthard Sinn als Herausgeber mit geschmeidigem Rückgrat geht ebenfalls bald auf Schmusekurs mit dem skrupellosen Mittelstand. Und Jennifer Kornprobst muss die recht farblose Ehefrau von Thomas spielen, deren Horizont genau bis zur Windel ihres Babys reicht. Hildegard Maier wiederum gibt als resolute Schwiegermutter der Sache am Ende eine interessante Wendung.

Aber erst, nachdem sich der aufregendste Moment der Inszenierung abgespielt hat: Stockmanns Rede vor der städtischen Vollversammlung, in der er sich die gesamte vergiftete Gesellschaft vornimmt, wird hier nicht nur angereichert durch wassergefüllte Luftballons, die dem Brunnenvergifter(!) um die Ohren fliegen, sondern auch durch leicht wirre Auszüge aus dem Buch "Der kommende Aufstand" vom "Unsichtbaren Komitee" (2010), in denen einmal mehr der Untergang des Kapitalismus vorhergesagt wird.

Da kommt Schwung in den Laden: das Publikum soll nämlich mitdiskutieren. Aber was soll man schon sagen, bei so vielen diskursiven Zwickmühlen? Und so geht am Ende auch dem Volksfeind auf seinem Feldzug für die Wahrheit so ziemlich die Luft aus.

Termine, Karten

"Der Volksfeind" Weitere Aufführungen: 15. Oktober, 20 Uhr, Stadthalle Metzingen; am LTT: 31. Oktober, 14., 15. November.

Karten: Telefon: (0 70 71) 9 31 31 49 und online auf www.landestheater-tuebingen.de.

SWP

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Perspektive für den Leuchtturm

Mit der Zusage, die Arbeit der Reportageschule ab dem Jahr 2018/2019 mit einem Zuschuss von jährlich 150 000 Euro aus dem Weiterbildungsetat dauerhaft zu fördern, „hat unsere Schule eine Perspektive“, freut sich Bausch. weiter lesen