Vorsprung im Reich der Mitte

"Die chinesische Wirtschaft ist im Umbruch", sagt Dr. Zhiyang Wang, "von der Werkbank zum eigenen Konzept". China liebt die Unternehmenskultur im Musterländle, schon wegen deren Spitzentechnologie.

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Vermitteln Vorsprung in deutsch-chinesische Wirtschaftsbeziehungen (von links): Akademie-Leiter Dr. Zhiyang Wang, Chinesisch-Dozentin Haiyan Yang, Germanistin Bing Ren und Felix Clausberg (Sinologe aus Tübingen). Auf der Aufnahme fehlt Julien Shu-Wiese (Sinologe aus Tübingen).  Foto: 

Als Wanderer zwischen den Welten hat Dr. Zhiyang Wang, Leiter des Reutlinger deutsch-chinesischen Kultur- und Wirtschaftsinstituts DCCD, eine sehr praktische Vorstellung von Yin und Yang als Inbegriff von Harmonie: Basis für gepflegte Geschäftsbeziehungen und Studentenaustausch soll die gegenseitige Wertschätzung zweier völlig unterschiedlicher Sprach- und Kulturräume sein.

"Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen China und Deutschland haben sich stabilisiert." Das war für den Kultur-und Wirtschaftswissenschaftler chinesisch-deutscher Prägung die Voraussetzung, um über ein eigenes Sprachinstitut nachzudenken. "In der Region Tübingen, Reutlingen und Zollern-Alb sind mehr als 250 Firmen ansässig, die mit China Handel betreiben", sagt Wang von der DCCD-Akademie (Deutsch-Chinesisch-Cooperation-Development), "80 davon haben Filialen eingerichtet, 30 besitzen Tochtergesellschaften, 15 lassen direkt in China produzieren". Im Herzen dieser Region mit "einzigartiger Unternehmenskultur und unzähligen Erfolgsgeschichten" liegt Reutlingen. Für den Sprach- und Erziehungswissenschaftler ist sie der beste Ausgangspunkt, um "Kultur zu vermitteln und wirtschaftliche Beziehungen zu gestalten".

"China befindet sich im Umbruch", sagt Wang, "das Tempo der Wirtschaftsreformen hat sich verlangsamt und entwickelt sich dadurch besser - mit weniger sozialen Problemen. Gleichzeitig hat sich im eigenen Land die Produktionsweise verändert: China ist nicht mehr nur Werkbank. Die eigene Innovationskraft bringt zukunftsfähige Technologien, Konzepte und Services hervor". Dadurch haben sich auch die Anforderungen an die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen verändert. "Die Frage ist, wie koordiniert man diese Partnerschaft, wenn ganz andere Qualitäten gefragt sind?", sagt Wang. Sein Konzept: Mit dem nötigen Fingerspitzengefühl: "In Deutschland baut man auf die Legitimation durch Verfahren, in China auf die Legitimation durch Beziehungen. Chinesische Kontakte müssen vorbereitet sein", sagt er, "je souveräner man sich in der Gesellschaft bewegt, desto besser".

Grundvoraussetzung für gegenseitiges Verstehen ist die Sprache: "Mit Chinesisch kommt man deutlich weiter als mit Englisch", erklärt Sinologe Felix Clausberg, Kursleiter am Reutlinger Institut, "erste Gehversuche in Hoch-Chinesisch gelten als vertrauensbildende Maßnahme. Die Sprache hat Scharnierfunktion im Kulturraum."

Um Chinesisch zu lernen, brauche es vor allem am Anfang viel Sitzfleisch. Die Grammatik, meint Clausberg, sei einfach: "Es gibt keine Deklination. Nur die Wortstellung ist anders." Ein Tandem aus ausgewählten deutschen und chinesischen Lehrkräften sorgt in den DCCD-Trainings für Authentizität und möglichst praxisnahe Lernerfolge zu Themen wie Arbeitsplatz, Kommunikation, Consulting, Marketing, Firmenkultur, Managementstrategien und dem einfachen Kennenlernen. Ein Koffer voll Wissen für die Geschäftsleitungs-Ebene, die Wirtschafts-Delegation oder den Servicetechniker auf Montage.

Die Wahlbausteine zu "Wirtschaftschinesisch" werden immer ergänzt um ein kulturelles Training: Es wird gemeinsam gekocht oder das chinesische Neujahrsfest gefeiert, eine Teezeremonie inszeniert, Situationen im Alltag werden simuliert. Es geht um Sitten und Tabus, chinesische Wertvorstellungen, den Wandel im Denken und in der Philosophie und um ein angemessenes Verhalten: "An wen wendet man sich im Business in der sehr strikten chinesischen Hierarchie? Wie sieht es mit der Rechtssicherheit bei Geschäften aus? In China ein Thema mit stark wachsender Bedeutung. Wie werden Verhandlungen geführt? Wie baut man Beziehungen auf?" Ein altes chinesisches Sprichwort sagt: "Wer einen guten Kontakt zum Teufel hat, muss sich um die kleinen Geister nicht kümmern."

Gegründet wurde die DCCD-Akademie vor fast genau einem Jahr. Ziel für 2015, sagt Dr. Zhiyang Wang, sind begleitete Wirtschaftsreisen zweier chinesischer Delegationen in Deutschland und drei bis fünf individuelle Trainings für deutsche Unternehmen im chinesischen Kulturzentrum in Reutlingen. "Wir haben deutsche private Hochschulen kontaktiert und sind dabei, Beziehungen nach China zu schaffen", sagt Wang, "50 Studenten sollen am Austausch teilnehmen". Der Standard im Sprachunterricht an der Akademie soll der Zulassung für ein Auslandssemester entsprechen. Und auch eine Zertifizierung der Business- und Kulturprogramme wird angestrebt.

Die Akademie und ihr Gründer

Ausbildung Dr. rer. soc. Zhiyang Wang besitzt einen Masterabschluss in Betriebswirtschaftslehre von Chinas größter Universität in Jilin und den BA in Literaturwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Nordostchina. Er hat an der Universität in Tübingen in Soziologie und Wirtschaftswissenschaften promoviert und war auch Gastwissenschaftler an der Universität für Sprachen und Kultur in Peking. Seine Schwerpunkte sind unter anderem: Lehrerausbildung und Didaktik für das Fach Chinesisch.

Die DCCD-Akademie am neuen Firmensitz in der Konradin-Kreutzer-Straße in Reutlingen arbeitet mit fünf Lehrkräften, alle mit zweisprachiger Ausbildung, darunter zwei Sinologen aus Tübingen. Weitere Informationen unter www.dccd-akademie.de.

ANE

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