Von wegen unschuldig!

Die Reutlinger Geschichtsblätter 2014 enthalten einen Aufsatz von Sven Bracke, Historiker und Museumskurator des Verkehrsmuseums Dresden, mit dem Titel: "Friedrich List und die Leipzig-Dresdner-Eisenbahn (LDE) - Neue Anregungen".

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Büste im Rathaus: Heute hätte Friedrich List seinen 226. Geburtstag gefeiert.  Foto: 

Die Reutlinger Geschichtsblätter 2014 enthalten einen Aufsatz von Sven Bracke, Historiker und Museumskurator des Verkehrsmuseums Dresden, mit dem Titel: "Friedrich List und die Leipzig-Dresdner-Eisenbahn (LDE) - Neue Anregungen".

In diesem Beitrag bezweifelt der Autor die schäbige Haltung des Leipzig-Dresdner-Eisenbahndirektoriums und beschönigt dessen Verhalten: "Es ging also dem Direktorium nicht darum, List die Anerkennung für seine Verdienste abzusprechen; vielmehr erhebe sich die Frage, ob er, nachdem ihm der erhoffte Dank nicht zu Teil wurde, seine Ansprüche nachträglich zu untermauern versucht habe. Man könne dem Direktorium keinen Vertragsbruch vorwerfen; außerdem sei die Quellenlage dürftig."

Mit keiner Silbe erwähnt Bracke, welche unglaublichen Widerstände und Widerwärtigkeiten Friedrich List bei diesem Projekt widerfahren sind und kritisiert stattdessen seine Fürsprecher, weil sie List für einen Idealisten hielten, der von den Leipziger Kaufleuten nicht wirklich verstanden worden sei und deshalb bei Seite geschoben wurde. Mit seinen "neuen Anregungen" versucht Bracke dem Direktorium der LDE eine weiße Weste anzuziehen, was ebenso zu kritisieren ist, wie die ideologische Einfärbung Lists in der DDR.

Ich halte dem Autor eine bisher unbekannte Quelle entgegen, die er in der Augsburger Allgemeinen Zeitung Nr. 310 vom 6.11.1837 entdeckt hat und überlasse es dem Leser, sich selbst ein Urteil zu bilden.

"Man ist immer noch nicht recht im Klaren, inwieweit die Leipzig-Dresdener-Eisenbahncompagnie durch das Entweichen ihres Bevollmächtigten, Herrn Tenner, in Schaden versetzt worden ist. Dieser Mann stand früher in so großem Ansehen, dass er an die Stelle des verstorbenen Bankiers Hammer in die Ständeversammlung gewählt worden war. Er war Eigentümer verschiedener Fabriken in Sachsen und man hielt ihn für einen großen Sachverständigen in der chemischen Fabrikation; jetzt zeigt sich aber, dass er in diesem Zweig nur oberflächliche Kenntnisse besaß.

Durch sein einschmeichelndes Benehmen wusste er sich so viele Freunde zu verschaffen, dass man ihm die Stelle eines Bevollmächtigten der Leipzig-Dresdener-Eisenbahncompagnie mit bedeutendem Gehalt übertrug, ungeachtet diese Stelle dem Konsul List, der sie durch seine entschiedenen Verdienste um dieses Unternehmen wohl verdient hätte, schon früher versprochen worden war. Es liegt jetzt klar zu Tage, dass es einzig den geheimen Intrigen Tenners zuzuschreiben ist, dass Herr List auf eine so schnöde und ungerechte Weise behandelt wurde. Unter der Maske seines Freundes versuchte derselbe Herrn List überall durch verdächtigende Insinuationen (d. h. Verleumdungen) in ein nachteiliges Licht zu stellen, um ihn von einer Stelle fernzuhalten, durch deren Erlangung er bei seinen zerrütteten Vermögensumständen, wovon jedoch niemand Kenntnis hatte, sich zu retten hoffte. Der Plan ist ihm geglückt, doch, wie es scheint, nur mit geringem Gewinn für seinen unredlichen Urheber. Die öffentliche Meinung begehrt, dass Herr Konsul List, der jedoch in diesem Augenblick auf Reisen ist (d. h. er war damals bereits nach Paris emigriert), die frei gewordene Stelle angeboten werde. Mit welchem Grund ein Leipziger Blatt angibt, Herr Tenner habe sich früher um das Leipzig-Dresdener-Eisenbahnunternehmen verdient gemacht, vermag hier niemand einzusehen."

Bereits in einem Schreiben an die Direktion und den Ausschuss der Eisenbahncompagnie vom 5.9.1835 hielt Friedrich List fest: Herr Wilhelm Seyffert habe seine Ansprüche bezüglich einer fixen Anstellung mit angemessenem Gehalt vollkommen der Billigkeit gemäß als berechtigt angesehen und auch Herr Dufour habe ihm in der Folge wiederholt versichert, dass man nicht gegen ihn handeln werde, weil seine Forderungen recht und billig seien. Später habe er einige Male die Absicht gehabt, seine Verhältnisse beim Komitee zur Sprache zu bringen, insbesondere gegenüber Herrn Tenner, dem damaligen Bevollmächtigten der Kompagnie, mit der Bitte, das Komitee davon in Kenntnis zu setzen. Man habe aber stets erwidert, das Komitee sei bloß provisorisch und könne sich daher nicht in Verbindlichkeiten einlassen, man wolle sich aber bei der künftigen Direktion dafür verwenden, dass seine gerechten Ansprüche befriedigt würden. Weit entfernt, hieraus rechtliche Verbindlichkeiten herleiten zu wollen, habe er einzig und allein dem Billigkeits-, Ehr- und Rechtsgefühl der "verehrten" Mitglieder des Direktoriums und des Ausschusses vertraut.

Nachdem List die bittere Erfahrung machen musste, wie man ihn zur Seite gedrängt hatte, wandte er sich am 27.6.1837 noch einmal in einem verzweifelten letzten Versuch an den Ausschuss und beschwerte sich dabei über die mangelnde Qualifikation seines Widersachers: "Es war mir von Anfang an eine meinen Verhältnissen entsprechende Teilnahme an den Geschäften der Direktion versprochen worden, und ich hatte die Hoffnung nie aufgegeben, man werde von Seiten der Direktion und des Ausschusses die Zweckmäßigkeit meiner Berufung zu diesen Geschäften umso mehr anerkennen, als Herr Tenner weder englisch liest noch schreibt, folglich die Fortschritte und Bewegungen in Sachen der Eisenbahnen nur nach Übersetzungen beobachten, die englische Korrespondenz aber gar nicht führen kann.

Bei den sehr bedeutenden Privatgeschäften aller Direktionsmitglieder und da Herr Tenner offenbar mit der Direktion des Kontors vollauf beschäftigt ist, schien mir die Anstellung eines referierenden Direktionsmitgliedes, das sich ausschließlich den Geschäften der Kompagnie widmen sollte, unerlässlich. Durch auffallende Billigkeit in meiner Indemnisationsforderung (d. h. maßvollen Zurückhaltung) hoffte ich daher mir besondere Ansprüche auf die Berücksichtigung des Ausschusses bei der bevorstehenden Besetzung der freien Direktionsstelle zu erwerben."

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