Von wegen muffig

Archive sind staubig und muffig. Von wegen. Wenn aber wie am Samstag der Tag der Archive sowie der Weltfrauentag zusammenfallen, dann entsteht aus dieser Mischung erst recht eine spannende Zeitreise.

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  • Besucher während der Führung durch eine der Stadtarchivkammern - ein Erinnerungsfoto musste da natürlich drin sein. Fotos: Jan Zawadil 1/2
    Besucher während der Führung durch eine der Stadtarchivkammern - ein Erinnerungsfoto musste da natürlich drin sein. Fotos: Jan Zawadil
  • Gerald Kronberger, Mitarbeiter des Stadtarchivs, erklärte am Samstag den Aufbau des Archivs im ersten Untergeschoss des Rathauses. 2/2
    Gerald Kronberger, Mitarbeiter des Stadtarchivs, erklärte am Samstag den Aufbau des Archivs im ersten Untergeschoss des Rathauses.
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Kilometerweise lagern Dokumente, Akten und Urkunden im Untergeschoss des Rathauses. Zeugnisse von Auseinandersetzungen, Hinterlassenschaften oder Unterlagen, die die Stadtgeschichte prägten, sind hier zu finden und geben Aufschluss über das Leben längst vergangener Tage.

Das Stadtarchiv hatte im Rahmen des Tags der Archive am Samstag seine Pforten geöffnet und zeigte nicht nur Belege vergangener Geschäfte oder gab Einblicke in Registereinträge. Weil auch Weltfrauentag war, bot sich darüber hinaus Gelegenheit, die Rolle der Frau im Reutlingen vergangener Jahrhunderte zu beleuchten.

"Ein Vermögen von 125 000 Gulden", erklärte Archivmitarbeiter Gerald Kronberger anhand einer seitenlangen Erbschaftsaufstellung, habe da beispielsweise die Reutlinger Witwe Steck im Jahr 1851 hinterlassen. Doch nicht nur für damalige Verhältnisse ein ordentlicher Batzen Geld, der aus der Heirat mit einem Herrenberger Kaufmann stammte und unter anderem dazu geführt hat, dass die schwerreiche Reutlingerin eine Gastwirtschaft ihr Eigen nannte, aus der später das Rebstöckle in der Gartenstraße hervorgegangen ist. Das Vermögen war auch Grundlage für ein florierendes Kreditgeschäft mit Handwerkern, was laut Kronberger zu immensen Zinseinnahmen geführt habe.

Neben solchen überlieferten Beispielen sind es die Belege, die vom gewöhnlichen Leben erzählen und faszinieren. So sind es unter anderem Unterlagen einer Reutlinger Schumacher-Witwe, die mit der bescheidenen Hinterlassenschaft ihres Mannes gerade mal dessen Außenstände sowie die Beerdigung bezahlen konnte. Oder die Standesamtsregister aus der Zeit vor der Industrialisierung, in denen Geburten von bis zu 18 Kindern in einer Familie vermerkt sind, von denen in den meisten Fällen aber mehr als die Hälfte bereits im Kleinkind- oder Kindesalter verstorben ist.

Darüber hinaus sind es auch Pläne der Marienkirche, die Aufschluss über die Rolle der Frau in früheren Jahrhunderten geben. So war es schon die Sitzordnung, die nach Geschlechtern trennte. Denn die Aufstellung über die Vergabe des Kirchengestühls aus den Jahren 1711 bis 1845 berichtete nicht nur davon, wer welchen Sitz gemietet hatte. Die Männer saßen damals auch auf Emporen während den Frauen die ebenerdigen Plätze zugedacht waren.

Trotz dieser heutzutage seltsam anmutenden Vorgaben machte der Einsatz für die Frauenrechte vor mehr als 100 Jahren auch vor der einst freien Reichsstadt nicht halt. So sind beispielsweise Aufrufe und Einladungen zu Versammlungen in der Bundeshalle überliefert, die über die Rechte der Frauen sowie deren Kampf informierten. Dass Frauen allerdings zu Demonstrationen auf die Straße gegangen seien, dafür gibt es laut Gerald Kronberger keine Belege.

Trotzdem: Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Frauen als Teil des politischen Lebens wahr- und ernstgenommen. In Reutlinger Amtsblättern aus dem Jahr 1919 wurden nämlich plötzlich auch die Wählerinnen von den verschiedenen Parteien umworben.

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