Von wegen alternativlos

Alternativlos? Im Gegenteil, sagen zahlreiche vermeintlich linke Gruppen beim achten Alternativen Neujahrsempfang. Sie alle fordern eine menschlichere Politik. Weltweit, aber auch vor Ort, in Reutlingen.

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Braune Hetze auf der Alb, direkt vor unserer Haustür? Das ist Realität, wie ein Mitglied der Antifaschisten-Bewegung "Alb(t)raum" am Sonntag bekanntgab. Seinen Namen und ein Foto von ihm wollte er nicht in der Zeitung sehen - weil der braune Mob gerne Jagd auf Menschen mache, die sich ihm in den Weg stellt, verkündete der "Albträumer". Was in der Öffentlichkeit kaum bekannt sei - gegen die Einrichtung der Landeserstaufnahmestelle in Meßstetten habe sich sehr wohl heftiger Widerstand aus der rechten Ecke gebildet.

Von Hasstiraden gegen ihn persönlich berichtete Jawed Nayebi in der "Zelle" nichts. Sehr wohl aber von häufigeren Kontrollen durch die Polizei oder von enormen Vorurteilen von Firmen, bei denen er sich um eine Arbeitsstelle beworben hatte. Seit sechs Jahren ist er in Deutschland, geflohen war er aus Afghanistan über zahlreiche Länder, übers Mittelmeer, bis er schließlich in der Carl-Zeiss-Straße landete. "Ich bin der glücklichste Flüchtling überhaupt, weil ich schon nach sechs Monaten anerkannt wurde", sagte Nayebi. Einen Job habe er nicht, zu groß seien die Vorurteile.

Von A wie "Aktionsbündnis gegen TTIP", Arbeiterbildung, Asylcafé oder Attac bis zu Stadtbahninitiative, "Zelle" und noch einige Gruppen mehr präsentierten sich am Sonntag in dem autonomen Kulturzentrum, in eben jener "Zelle", die nun schon im 47. Jahr besteht. Gemeinsam stellten all die Gruppen die Forderung auf: "Es ist höchste Zeit für Alternativen."

Günter Jung, der "Vater" der Reutlinger Asylcafés, ging dabei auf die Situation von Flüchtlingen ein - "rund 2000 Menschen sind 2014 im Mittelmeer bei der Flucht ums Leben gekommen, damit ist diese Grenze die gefährlichste weltweit". Diejenigen, die es bis nach Italien oder Griechenland schaffen, sind aber nicht in Sicherheit, so Jung. "Dann beginnt der brutale Überlebenskampf auf der Straße." Essen, Trinken, gesundheitliche Versorgung? Keine Chance. "Auf Malta, in Bulgarien und Ungarn werden Flüchtlinge gar sofort inhaftiert", berichtete Günter Jung.

Wer es dennoch bis Deutschland schaffe, müsse "mit der Rückführung in diese Länder rechnen, das ist nicht nur unmenschlich, sondern schweinisch", betonte der Kämpfer für mehr Menschenrechte. Gemeinsam mit Pro Asyl fordern die Reutlinger Asylcafés deshalb "faire Asylverfahren und Schluss mit den teuflischen Abschiebungen, weil die Flüchtlinge in anderen Ländern nicht überleben können". Für die Betreuung der Asylbewerber in Reutlingen stehe zurzeit ein Sozialarbeiter für 113 Personen zur Verfügung. Das Versprechen das Verhältnis auf 1:100 zu verbessern reiche nicht aus, sagte Jung.

Und wie verhält sich die Stadt in der Frage der Anschlussunterbringung? In der Ypernkaserne sollen 60 Plätze geschaffen werden, im gleichen Gebäude, in dem jetzt schon fast 70 Flüchtlinge sind. "Das bedeutet für die Menschen erneut gemeinsame Küchen und sanitäre Anlagen - wie soll da Integration funktionieren", fragte Günter Jung. "Für das Asylcafé im Ringelbach bedeutet das die doppelte Klientel, weil Sozialbetreuung von der Stadt aus nicht vorgesehen ist." Dabei beginne die Arbeit ja erst, wenn die Asylanträge anerkannt sind, wenn die Menschen Wohnraum und Arbeit suchen, ihre Kinder in Schulen und Kindergärten gehen, Sprachkurse anstehen. "Von Willkommenskultur ist da nichts zu sehen, das ist höchstens eine Willkommenstechnik", so Jung. "Wir planen gerade mit einigen anderen Gruppen ein neues Bündnis für Flüchtlinge in Reutlingen."

Aber: Die Situation in den Anrainerstaaten von Syrien, Afghanistan und Irak ist nach den Worten von Ingrid Rumpf vom Pfullinger Verein "Flüchtlingskinder im Libanon" noch eine ganz andere. Geschätzte 1,5 Millionen Flüchtlinge sind zurzeit im Libanon, bei einer Gesamteinwohnerzahl von 4,5 Millionen Menschen. "Ich möchte mir nicht vorstellen, was das für Deutschland bedeuten würde, wenn ein Drittel aller Menschen hier Flüchtlinge wären", so Rumpf. Dass Deutschland sich bereit erklärte, 20 000 Menschen aus Syrien aufzunehmen - "das ist völlig unzureichend". Schwerstarbeit musste im Übrigen auf der Bühne eine Gebärdendolmetscherin während des Alternativen Neujahrsempfangs leisten: Sie übersetzte nonstop.

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