Von Liebe, Tod und Paradies

Worum gings? Um alles: Liebe, Tod und himmlische Freuden. Das Sinfoniekonzert der Württembergischen Philharmonie bot am Montag in der Stadthalle wahrhaft exuberante Musik von Mahler und Martinsson.

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  • Singt in Salzburg, London, an der Mailänder Scala - und jetzt in Reutlingen: die schwedische Sopranistin Lisa Larsson in der Stadthalle. Foto: Marinko Belanov 1/3
    Singt in Salzburg, London, an der Mailänder Scala - und jetzt in Reutlingen: die schwedische Sopranistin Lisa Larsson in der Stadthalle. Foto: Marinko Belanov
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Prachtvoll, funkelnd, glamourös. Ja, auch so kann zeitgenössische Musik klingen. Zum Beispiel Rolf Martinssons Orchesterlieder (2009) über Gedichte von Emily Dickinson: Sie verkörpern eine klangsinnliche, opulente Moderne. Eine Moderne, wie sie vor allem Henze entwickelt hat und die heute von Komponisten wie Trojahn oder Glanert weitergeführt wird.

Und von Rolf Martinsson. Der international renommierte schwedische Komponist (Jahrgang 1956) hatte der Philharmonie Anfang 2013 schon einmal ein großformatiges Auftragswerk namens "Opening Sounds" auf den Leib geschrieben - damals passenderweise zur Eröffnung der Stadthalle.

Die Sopranversion der Dickinson-Lieder, die am Montag in deutscher Erstaufführung erklang, ist in einem ähnlich üppigen Stil geschrieben. Die Philharmonie unter Chefdirigent Ola Rudner verströmt in diesen süffigen Tonmalereien eine geradezu filmmusikalische Grandezza. Das spezielle Flair dieser drei Liederzyklen - "Songs of Love", "Songs of Nature" - entfaltet unter Rudner flirrenden Farbenreichtum.

Funkelnde Harfenglissandi, sphärische Streicher, aparte Klangmixturen mit Glockenspiel, Celesta und Vibraphon: Das Orchester lässt Dickinsons lichte, stimmungsvolle, oft anarchische Poesie regelrecht blühen, aufrauschen und leuchten. Über allem schwebt Lisa Larssons voller, weicher Sopran - mit frecher erzählerischer Ironie und mit jubelnden, von aller Erdenschwere befreiten Spitzentönen. Das war starker, vibrierender, glitzernder Klangzauber. Kompliment.

Mit Mahlers Vierter (1901) hatte sich die Philharmonie mal wieder ein Mammutwerk vorgeknöpft. Gleich vorweg: Das Orchester formt - nach einem durchwachsenen Einstieg - aus dem 55-Minuten-Opus ein grandioses Klanguniversum, ein detailfreudig ausgeschmücktes Kolossalgemälde vom Paradies, vom "himmlischen Leben", vom Schlaraffenland, immer wieder relativiert durch krasse, abgründige Passagen, in denen Mahler das Schicksal unbarmherzig zuschlagen lässt.

Ganz nebenbei gelingt der Philharmonie auch noch eine tolle Leistungsschau der einzelnen Instrumentgruppen und Solisten: Stellvertretend erwähnt seien hier nur die kecken Klarinetten (mit partiturgetreu hochgereckten Schalltrichtern), magisch raunende Harfenklänge und Fabian Wettsteins bemerkenswertes Totentanz-Solo mit extra scharfkantigen Tonabrissen auf der umgestimmten Geige - der Schnitter Tod lässt grimmig grüßen.

Und die Akustik? Zum vieldiskutierten Dauerthema lässt sich mittlerweile getrost eine positive Zwischenbilanz ziehen. Mit der neuen, flacheren Orchestersitzordnung (Bratschen rechts vorne, dahinter Celli und Kontrabässe) erzielt Rudner in der Stadthalle ein gleichsam hoch auflösendes Klangbild, das im Ganzen nicht verklebt, sondern feingliedrig und durchhörbar bleibt.

"Der Wein kost kein Heller / im himmlischen Keller": Lisa Larsson bringt derlei handfeste, lebenspralle Visionen von einem paradiesischen Festmahl mit Rehbraten, Tanz und Musik dann im Finale noch zu Gehör - in narrativer Beiläufigkeit, aber mit bildschöner Tongebung und gelegentlich munter tirilierender Heiterkeit.

Aber Hand aufs Herz: Am meisten Seele hat in Rudners famoser Mahler-Lesart der dritte Satz. Er übersetzt die Mahlersche Vorschrift "Ruhevoll" in eine zelebrierte, fast zeitlupige Langsamkeit und verzaubert diesen Satz zu einem solitären Zukunftsklangort im Irgendwo. Traumverloren, entrückt, zeitvergessen. Einer der größten Momente des Abends.

Rolf Martinsson dankt - Ira Wallet geht in den Ruhestand

Rolf Martinsson Wien, Berlin, Salzburg, New York, Caracas - und jetzt eben Reutlingen. Die Werke des schwedischen Komponisten Rolf Martinsson (Foto: WPR) werden weltweit aufgeführt. Vielleicht auch deshalb, weil er eine eher klangsinnliche Art der Moderne vertritt. Bei der deutschen Erstaufführung der Sopranversion seiner Dickinson-Lieder in Reutlingen war er zugegen: Sichtlich angetan von der Aufführung bedankte er sich beim Orchester und beim Chefdirigenten, seinem Landsmann Ola Rudner.

Ira Wallet Das Sinfoniekonzert am Montag war der letzte offizielle Auftritt des langjährigen Bratschisten Ira Wallet als Orchestermitglied der Württembergischen Philharmonie. Ira Wallet (Foto: Archiv) ist das pure Gegenteil von jenen Fachidioten, die der Komponist Hanns Eisler einmal so beschrieben hat: "Wer nur was von Musik versteht, versteht auch davon nichts." Vielseitig kulturell interessiert, spielt er bei Festivals wie Kultur vom Rande mit, engagiert sich in der Deutschen Orchestervereinigung oder bei "Pro Achalm" und wirkt beim Tonne-Theater mit. Mit Ira Wallet verliert das Orchester einen liebenswerten Menschen, der Musik immer auch als Bildungsauftrag verstanden hat. Chefdirigent Ola Rudner bedankte sich bei dem scheidenden Bratschisten und verehrte ihm seinen Blumenstrauß - eine schöne Geste.

OP

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