Von Liebe, Kunst und Tod

Eine Liebesgeschichte als Musiktheater über die Singkunst: Die neue Tonne-Produktion - "Un-Erhört" von Karen Schultze - feierte am Samstag Uraufführung in der Planie. Regie führte Intendant Enrico Urbanek.

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Neu an der Tonne: "Un-Erhört" - eine Liebesgeschichte von Karen Schultze mit Barockmusik, inszeniert von Enrico Urbanek.  Foto: 

Ausgerechnet das Phänomen der barocken Kastraten wählte das Reutlinger Tonne-Theater zum Thema für ein eigenes Bühnenstück. Was hat das mit den Menschen hier und heute zu tun? Gemeinsam ist ihnen die Umgestaltung des Körpers und der Starkult. Gelangt heute jedoch ein Countertenor allein mittels Begabung und Schulung zur Virtuosität in der Sopranlage, wurden dafür im Italien des 16. und 17. Jahrhundert zahllose Knaben verstümmelt.

Unerhört war nicht nur diese durch die bürgerliche Revolution weitgehend abgeschaffte Praxis, "un-erhört" blieben auch die Briefe der von Karen Schultze erdachten Cecilia an ihre Jugendliebe Antonio, den Kastraten-Sängerstar Carissino. Diese Liebesgeschichte bildet die Handlung, dargestellt als gespielter Brief-Roman, insofern ein Kind der Romantik. Zu Beginn erhält Antonio ein Kästchen Briefe der verstorbenen Cecilia. Beim Lesen erwacht die Vergangenheit, sie wird in durchdachten und bewegenden Bildern nachgespielt, zwischen transparenten Stelen - die Mädchen teils hinter einem Ziergitter, behutsam illuminiert.

Berührende Momente entstehen, wenn die Knaben (Thomas Haas und Nick Leist) mit blassem Gesicht und zarter Stimme Soloarien singend ihrem harten Schicksal ("Singen wie die Stars!") entgegensehen. Wie eine Pietà trägt der große den kleinen Sänger in den Armen, gespenstisch das Bild, wenn die Mädchen in Leichentüchern beginnen zu singen. Ein arroganter Maestro gibt Befehle aus dem Off, zwei Jungs üben gezierte Posen, während die Mädchen über Kastraten tratschen. Etwas lang geraten allerdings die Erzählstrecken des Antonio/Carissino; manche Exkurse könnte man auch weglassen.

Die Übergänge zwischen Brieftext und Szene sind fließend, der ständige Wechsel zwischen Imagination und Realität schafft Spannung. Erhellende Zäsuren bilden die Momente, in denen Cecilia ihre leidenschaftlichen, ja handgreiflichen Anklagen mit "in Liebe, Cecilia" beschließt. Die Tonne-Schauspieler Chrysi Taoussanis und Torsten Hoffmann gestalten ihre Hauptrollen so natürlich wie souverän. Während er sich sinnvollerweise aufs beredte Sprechen beschränkt, singt sie am Ende sogar eine Solo-Arie - um dabei, zwischen roten Kunstblüten am Boden liegend, zu sterben.

Ein bedeutendes Element dieser Inszenierung ist die Musik, in diesem Fall sogar originale Barockmusik von Vivaldi, Händel und anderen: Das historisch informierte Spiel des Reutlinger Barockorchesters unter Petra Marianowskis Leitung, postiert auf der Empore, verleiht ihr klingende Authentizität und Atmosphäre.

Die von Ulrike Härtel geschulten jungen Sängerinnen und Sänger machen ihre Sache ausgezeichnet, ob im Solo, Duett oder Ensemble; die neun Chormädchen agieren zugleich als symbolstarker Tragödien-Chor nach antikem Vorbild. Die Stücke sind vorwiegend innig-schlicht und gliedern in Wiederholungen den Verlauf, die typischen Bravourarien der Kastraten wären zu schwer.

Un-gehört bleibt gerade das Phänomen, um das sich im Grunde alles dreht: Der betörende Gesang der erwachsenen Kastraten. Ein heutiger Countertenor oder Altus könnte einen Eindruck von dieser androgynen Kunst vermitteln. Dennoch: eine anrührende, rundum gelungene Aufführung, die mit viel Beifall bedacht wurde.

Weitere Vorstellungen - Zusatzveranstaltungen

Die nächsten Termine sind am 13., 14., 15., 20., 21., 22., 26., 27., 28. Januar sowie am 1. Februar, sonntags 18 Uhr, ansonsten um 20 Uhr in der Planie 22.

Werkstattgespräch: am 13. Februar; Geheimtipp: am 21. Februar, 22 Uhr.

SWP

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