Von Hydrothermalschloten und Kragengeiseltierchen

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Raoul Schrott.  Foto: 

„Das Grundprogramm des Menschen steckt im Schwamm“: Raoul Schrott hat in seinem Epos „Erste Erde“ viel Wissen der Welt ins Literarische übersetzt. Zwar wissen wir immer noch nicht, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen. Aber zum Vortrag des österreichischen Homer-Übersetzers beim Tübinger Bücherfest kamen schon mal sehr viele.

Denn Schrott hat immerhin mal den Versuch unternommen, das Wissen über unsere Welt zusammenzutragen und in eine poetische, verständliche und lesbare Form zu bringen: Der Epos „Erste Erde“ ist ein bibliophil aufgemachter 848-Seiten-Wälzer. Im lauschigen Innenparadies des Wilhelmsstifts erzählte der streitbare Literaturwissenschaftler und Autor, warum er dieses Universalwerk vor sieben Jahren in Angriff genommen hat. In der Literatur, sagt er, geht es ja meistens um den Menschen, und es sei ja auch sehr reizvoll, darüber zu schreiben, „wer wen umbringt“, und „wer mit wem ins Bett“ gehe. „Aber was ist mit der Bühne, auf der wir leben?“ und wo dreht sich alles endlich einmal „um das Verhältnis von Mensch und Welt?“

Bis zur Aufklärung galten als (literarische) Welterklärungsmodelle noch die Genesis und andere Mythen. Doch seit Erfindung von Mikro- und Teleskop, seit Einstein und Bohr „müssen wir ja alles infrage stellen“. Naturwissenschaft, Gesellschaft und Religion seien kaum mehr „auf einen Nenner zu bringen“. „Seltsam, dass wir nicht öfter schauen, wie das alles zueinander passt“.

Und weil er sich auch schon persönlich gefragt habe, „wo war ich, als ich noch nicht da war?“, „wieso sind alle Pflanzen grün?“ und „wie ist das Leben entstanden?“, hat er zusammengetragen, was die Wissenschaftler in ihren Spezialdisziplinen alles so wissen. Dieses Wissen wollte er als Schriftsteller verstehen und in Text übersetzen. Die deutsche Kulturstiftung hat ihm dafür einen Kredit gegeben, daher konnte er für seine Recherchen viele symbolische Orte aufsuchen: zu den Teleskopen in der Atacama-Wüste, zum ältesten Gestein der Erde, zu Fossilien und dahin, wo die Menschen herkommen.

Seinen literarischen Text wollte er nicht mit Wissen überladen, „sonst sinkt das wie Blei“, aber den komplexen Kosmos auch nicht simplifizieren. Weshalb er sich auch nicht für die „zu klapprige“ und „geschwätzige“ Prosa entschied, sondern für die „Mischform des Epos“. Im Prinzip wie die Ilias: „Gleichzeitig eine Enzyklopädie und trotzdem saftige Geschichten“.

Um herauszufinden, welche Bedeutung das Wissen für unsere Welt haben könnte, hat er Figuren konstruiert, für die das jeweilige Wissen ganz selbstverständlich ist, und dann nachempfunden, wie diese die Welt sehen. Und so konnte er die Themen „Entstehung der Welt, des Lebens, der Pflanzen, der Tiere, der Felsmalerei“ jeweils in einer Figur bündeln, mit verschiedenen moralischen Positionen und den Versuch vornehmen, „aus diesen Bezugspunkten zur Welt“ eine „Ethik zu formulieren“.

Auch wenn die letzten Fragen nicht beantwortbar seien, wisse er jetzt zumindest, wo was wie herkommt und wie vieles zusammenhänge. Und so erklärt Raoul Schrott unter anderem noch kurz, dass die Pflanzen deshalb alle grün sind, weil sie von derselben Uralge abstammen, dass das Leben in sogenannten Hydrothermalschloten entstanden sei.

Und wie wir Menschen alle vom „Kragengeißeltierchen“ abstammen, das Schwämme gebildet hat mit Skelett, Struktur, Nervenzellen und Immunsystem. Den Rest könnten wir in den 848 Seiten ja selbst lesen, erklärt der unterhaltsame Tiroler.

Wissen sammeln, horten und alles sehen wollen kann gefährlich sein. So erzählt er noch, wie er am Ende der Welt mit einem Freund auf einem Kanu zu den ältesten Steinen der Erde gepaddelt ist, wie sie abgesoffen sind, deshalb ohne Waffen auf einen hungrigen Schwarzbären getroffen sind, vom Flugzeug nicht mehr gefunden wurden und doch alles überlebt haben, dank einer „Stuttgarterin“, die nach ihnen hat suchen lassen.

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