Von der Macht der Gefühle

Lied und Sinfonik verschiedener Epochen bot das Reutlinger Kammerorchester bei seinem Konzert in der Kreuzkirche. Als Solistin gastierte die Mezzosopranistin Annika Schlicht, die Leitung hatte Robert Wieland.

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Wer hätte etwa vor 20 Jahren geahnt, dass das Reutlinger Kammerorchester einmal bis zur spätromantischen Sinfonik gelangen würde, und dies auch noch mit einer Sängerin von der Deutschen Oper Berlin?

Möglich wurde dies, weil die Stuttgarter Mezzosopranistin Annika Schlicht früher in der Musikschule von Dirigent Robert Wieland Unterricht hatte und ihm nun zusagte, gemeinsam mit dem Reutlinger Kammerorchester aufzutreten.

Vor den Liederzyklus wurde Giacomo Puccinis "Preludio sinfonico" als würdiges Vorspiel gestellt. Für eine Prüfungsarbeit ein wunderbares Stück komponierter Romantik, von dem sinfonisch besetzten Kammerorchester (mit Harfe) farbig abgestuft und unter dem sicheren, inspirierenden Dirigat von Robert Wieland in sehnsüchtigen Schwung versetzt. Offenbar war intensiv geprobt worden: Bis zum perfekt platzierten Schluss gelang eine technisch saubere, ausgewogene Darstellung in der richtigen Balance von Gefühl und Dramatik. Es gibt sie tatsächlich noch (oder wieder?): junge Sängerinnen, deren Statur und Stimme allerhöchsten Anforderungen gewachsen sind. Man musste schon fürchten, dass sie durch den Magermodel-Wahn vom Aussterben bedroht würden.

Annika Schlicht verfügt über eine solche prachtvolle Mezzo-Stimme, die trägt, auch in der Tiefe. Die braucht kein Mikro, und sie ist wie gemacht für die "Wesendonck-Lieder": sehnsüchtige Liebesbotschaften, gedichtet von Mathilde Wesendonck, vertont von Richard Wagner, Vorboten der Oper "Tristan und Isolde".

Hier nun umrahmte die Orchesterfassung von Felix Mottl die faszinierende, dunkel timbrierte Stimme von Annika Schlicht; das Orchester begleitete weitgehend intonationsrein, klangbewusst und feinsinnig. In dieser Richtung könnte es weitergehen! Inspirierend wirkte sicher auch die Sängerin mit ihrer beeindruckenden Interpretation.

Zwar könnte sie - im Sinne der Liedgestaltung - noch mehr am emotionalen Sprach-Detail feilen, doch sie vermittelte - eher opernhaft - das machtvolle Gefühl, das sich auch am Ende einer langen Phrase noch kraftvoll steigern und aussingen kann.

"Weit in sehnendem Verlangen" dehnte sich die üppige Stimme, steigerte sich in "Schmerzen" zu hoher Intensität und zeigte auch im letzten Lied - unter dem Titel "Träume" - scheinbar mühelos noch unendliche Kraftreserven.

Irgendwie scheint dem (sinfonischen) Reutlinger Kammerorchester die Sprache der Spätromantik eher zu liegen als die der Wiener Klassik. Schon früher tendierten hier Haydn oder Mozart zu einer romantischen Schwere, die ihrer Sprache nicht ganz gerecht wird. Auch die Besetzung macht den Klang massiver als nötig; aus gutem Grund reduzieren sie viele Orchester von Fall zu Fall.

Nicht so das Reutlinger Kammerorchester, es blieb bei der großen Besetzung. Bei Franz Schuberts Sinfonie Nr. 3, ein dem Vorbild Mozart verpflichtetes Jugendwerk, wurde (im Überschwang der Gefühle?) allzu dick aufgetragen. Die Soloklarinette führte die anmutige Bewegung vor; allerdings ließ sich die Mehrheit davon nicht anstecken.

Zwar wurde engagiert aufgespielt, doch die im Kirchenraum stets zu lauten Pauken und der insgesamt kraftvolle Zugriff vermittelten ein allzu wuchtiges Bild der tänzerisch-leichten Sätze. Das beeindruckende Gesamt-Konzert jedenfalls verdiente den herzlichen Applaus des Publikums, das mit einer Zugabe verabschiedet wurde.

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