Vom Wurstbrot zur Brüllattacke

Sein oder Nichtsein? Es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Malmsheimersein! Der sympathisch cholerische Dampfplauderer geht auf dramatische "Daseinsbesichtigung". Ab und zu macht er auch nur Quatsch.

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Ein begnadeter Sprachcholeriker: Jochen Malmsheimer im Reutlinger Kulturzentrum franz.K. Foto: Kathrin Kipp

Jedes Mal, wenn er in der Gegend ist, ist er ein bisschen gleich und ein bisschen anders, auch wenn "der Außenbereich seit meinem letzten Besuch nicht wirklich gewonnen hat". Das stimmt vielleicht, kommt drauf an, welchen Außenbereich er meint, den vom franz.K oder den seines Selbst. In dieses begibt er sich immer wieder, um sich zu suchen, zum Beispiel, wenn er mal wieder "nicht ganz bei sich" ist: "Manchmal krieg ich mich Tage nicht zu sehen."

Denn meistens ist er außer sich, zumindest auf der Bühne, wenn er sich mal wieder in Rage redet und über Nichts und Wiedernichts eine Schreiattacke vollführt. Dafür lieben wir ihn. Denn was er da so vorführt, ist wahrscheinlich nur das, was wir auch gerne sein wollten: Rhetorisch tippitoppi und trotzdem ungebremst cholerisch. Kontrolliert unkontrolliert. Offenkundig wahnsinnig. Malmsheimer ist eine wandelnde Sprachpsychose, die sich aus permanenter Sinnentstellung nährt. Seine Lieblingsbeschäftigung ist es, sämtlichen Denk- und Sprechklischees permanent auf den Kopf zu hauen. Gibts da keine Medikamente dagegen?

Malmsheimer braucht keine Pillen. Solange er Wurstbrot hat, dem er eine seiner metrisch feinst auskomponierten Oden widmet. Das "Wurstbrot" gehört für den überzeugten Cholesterinfan - "das Fleisch schmeckt nicht besser, wenn das Schwein vorher mit dem Metzger geredet hat" - zu der Abteilung: "Früher war zwar nicht alles besser, aber vieles früher."

"Und vieles war einfach gut", explodiert es aus dem wertkonservativen Wurstfascho heraus. Mehr noch: "Manches wäre gut geblieben, hätte man die Finger davon gelassen!" Malmsi haut stramme Thesen raus, hat Schaum vorm Mund. Wurstbrote müssen meterdick mit "Gutebutter" beschmiert sein! Und mit drei Scheiben belegt - "Leute, der Krieg ist vorbei!" Bei solch zentralen Lebensthemen kann man schon mal Emotionen zeigen. Nur bei Malmsi beschleicht einen immer ein bisschen die Sorge, dass man gleich den Notarzt holen muss: Tiefroter Bluthochdruck. Kaltschweißige Schnappatmung. Spastische Gesichtslähmung. Apokalyptische Stimmkrise. Flüssige Logorrhoe. Multiple Polyphrasie. Und das macht er "jeden Abend so". Zum Glück ist sein Programm noch relativ neu, er fände es "in Teilen selbst noch komisch". Das Publikum kann seinen Wortschwällen und Gefühlsausbrüchen wie immer nur zur Hälfte folgen, lacht aber immer wieder befreit auf, wenn es eine Pointe erkennt. Das sei ja das Praktische am Theater, monologisiert der Denkspiel-Clown von seiner Bühne runter: "Du kriegst immer mit, wenn einer was mitkriegt." Das sei anders als im Alltag, da könne man nicht wirklich unterscheiden "zwischen Begreifen und Schluckauf". Wir sollen trotzdem nicht jedes Mal klatschen, wenn wir was verstanden haben, schimpft er.

Malmsheimer kann eben auch streng sein. Und er träumt sich vielstimmig zurück in analoge Zeiten, als es noch richtiges Radio gab, mit Expertenstudios und Telefonkonferenzen. Zum Beispiel zum Thema "Hebelkippfenster oder Drehschiebetüren?" "Die Geschichte des Hebelkippfensters ist eine Geschichte der Missverständnisse", weiß Malmsheimers Hebelkippfenster-Alter-Ego. Und so führt uns dieser Textator unser alltägliches Dummgequatsche, die Schablonen unserer "Denke" und "Wisse" vor - und das auch noch mit jeder Menge jambischen, hexametrischen und anderen versfüßigen Hebern und Senkern. Zudem macht er aus jedem noch so nichtigen Thema ein Drama mit Tod, Teufel, Inferno.

Schließlich wird auch er älter, "seit Mitte Januar", die Sensenfrau klopft schon an die Badezimmerdrehschiebetür, und man darf vermuten, dass auch er einen Teil seiner sophistisch dahergebrabbelten Textfläche nicht mehr ganz versteht. "Situationen und Zusammenhänge müssen nicht mehr ganz so komplex sein", findet er mittlerweile, "Transparenz" wird auch ihm "immer lieber". Aber älter werden sei nicht schlimm. Schlimm sei nur die Farbe des Älterwerdens: "Beeeeesch" krächzt und kreischt und brüllt es durch den Saal, dass alle von ihrem Dauerberieselungskoma aufschrecken. "Beige" ist der "Friedhof aller Farben", brüllt der hysterische Präsenior, Alte tragen so viel Beige, dass der Kölner Dom von oben aussieht wie "von einer Wanderdüne umspült". Und so geht sie munter weiter, Malmheimers Performance mit gewissen Extras. Irgendwann erklärt er auch noch seinen kryptischen Programmtitel "Fisch flieg, lies und gesunde, oder: Glück wo ist dein Stachel?", aber das würde jetzt zu weit führen.

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