Vom Jahrmarkt-Rummel infiziert

Für Kirmes-Urgestein Dieter ist mit seinen 71 Jahren der Rummel zwar nur noch Hobby, doch in der Schießbude hilft er immer wieder gerne aus und weiß genau, wie er die Kundschaft zu nehmen hat.

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Kirmes-Urgestein Dieter inmitten seiner Welt aus Plüschtieren und Plastikblümchen.  Foto: 

Spitzbübisches Grinsen und Tätowierungen auf beiden Unterarmen - ein Piratensäbel sowie der Schriftzug Helga. Merkmale, die zu Dieter gehören wie der Platz in der Schießbude inmitten von Plastikblümchen und Plüschtieren. Dieter ist aber kein junger, abenteuerlustiger Springinsfeld, sondern ein echtes Kirmes-Urgestein, der vom Jahrmarkt-Virus infiziert ist.

71 Lenze zählt er zwischenzeitlich, hält seinen Nachnamen für vollkommen unbedeutend und ärgert sich immer noch über die Kunst am eigenen Körper. Denn mit 16 griff der gebürtige Westfale zur zwirnumwickelten Nadel samt Tusche und hat sich die Motive selbst auf die Unterarme gestochen - und das nur, weil ein älterer Nachbar ebenfalls tätowiert war und er das damals richtig schick fand.

Was er im Gegensatz zur selbstkreierten Körperkunst nicht bereut, ist hingegen sein Leben auf und für die Kirmes. Die Mischung aus lauter Musik und dem Hupen der großen Fahrgeschäfte sowie der wabernde Duft von Bratwürstchen und gebrannten Mandeln faszinieren ihn bis heute und sind Nahrung für seinen Jahrmarkt-Virus.

"Einmal die Schaustellerstiefel angezogen, kriegst du sie nie mehr aus", scherzt er auf dem Sommerfest auf den Bösmannsäckern. Weil er längst in Rente ist, hilft er mittlerweile nur noch aus und steht hinter dem Tresen einer Schießbude, wenn Not am Mann ist.

Umgeben von Luftgewehren, allerlei Nippes und Kuscheltieren hat Dieter im Lauf der Jahrzehnte seinen ganz eigenen Blick für die Kundschaft entwickelt. Und da gehört Fingerspitzengefühl genauso zum Geschäft wie ein flotter Spruch. Schließlich sind Kirmesbesucher so vielfältig wie das Leben selbst. Während die einen nur ihren Spaß haben wollen und ein Röschen für die Liebste oder den Liebsten schießen, gibt es nämlich auch ganz andere Kaliber. Mit übertriebenem Ehrgeiz würde manch einer dementsprechend antreten und fast den ganzen Geldbeutel leerschießen, weshalb Dieter hier auch manchmal bremsen muss. Weil das Händchen im Umgang mit Menschen dazugehört, weiß Dieter aber auch, wenn er mal jemanden necken kann. Bei Männern, die einen über den Durst getrunken haben, ist das nicht angebracht. Doch bei einer jungen Dame kam Dieter nicht umhin, das aus dem Shirt lugende Tattoo zu loben. Hierfür gab's für Dieter allerdings kein Dankeschön. Vielmehr zog die junge Frau, um das Kunstwerk in seiner vollen Pracht zu präsentieren, den Ausschnitt ihres Shirts so weit nach vorne, dass Dieter tiefe und ungewollte Einblicke ins Dekolleté erhielt.

Diese Episode amüsiert den 71-Jährigen bis heute. Und Sommerfest-Betreiber Kai Weeber, in dessen Schießbude Dieter aushilft, meint ebenfalls mit einem Schmunzeln, dass er seinerseits sich so ein loses Mundwerk wohl nicht erlauben könne, und wenn, dann würde er wohl eher eine Backpfeife kassieren statt tiefer Einblicke.

Während also Charme ein Faktor auf dem Rummelplatz ist, geht es hinter den Kulissen jedoch recht hart zu. Da muss oft genug ordentlich rangeklotzt werden, damit der Laden läuft. Das bekam Dieter hautnah mit. Der gelernte Maler arbeitete sich vom Kadetten bis zum Geschäftsführer eines Göppinger Schaustellerunternehmens hoch. Außerdem hatte er im Lauf der Jahre selbst verschiedene Buden und Fahrgeschäfte, in die das Kirmes-Urgestein jede Menge Zeit und Arbeit investiert hat und die mittlerweile längst wieder verkauft sind.

Aus diesem Grund reicht Dieter die jetzige Rolle als Aushilfe bei Kai Weeber. Dennoch verbindet die beiden weit mehr als bloße Zusammenarbeit oder das Abenteuer, als sie beispielsweise in einem kalten Winter eine Schießbude neu aufgebaut und dabei ganz schön gebibbert und gezittert haben. Denn: "Kai hat mir mal das Leben gerettet", erzählt Dieter. Auf einem Festplatz habe er nämlich mitten in der Nacht einen Herzinfarkt erlitten und dachte nicht nur, dass jetzt das Leben vorbei sei, sondern schaffte es gerade noch an die Tür von Weebers Wagen. Und wenn der Schaustellerkollege nicht so schnell und richtig reagiert hätte, wären die Rummelplätze ohne Dieter um eine Attraktion ärmer.

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