Vital und voller Lebensenergie

Großfamilien haben etwas Faszinierendes. Vor allem, wenn zum 100. Geburtstag der Großmutter auf Ungarisch geredet wird. Nur so verstehen sich die Verwandten aus den USA über Pfullingen bis Venezuela.

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Die paar Jahre steckt Erzsebet Maczky mit Nonchalance, wachen Augen und konzentrierter Aufmerksamkeit weg. Zum hundertsten Geburtstag der Pfullingerin hat sich der engere Familienkreis im Wohnzimmer in der Panoramastraße versammelt: drei von vier Kindern samt Familie, Enkeln und Urenkeln. Davon gibt es inzwischen neun. Auf dem Tablett flattert eine Geburtstagsbotschaft vom Patensohn aus Basel ein. Selbstverständlich auf Ungarisch. Auch das Gedicht, in das die Familie Lebenslauf und Anekdoten gereimt hat, und das Geburtstagslied werden in der gemeinsamen Muttersprache vorgetragen. Nur mit dem Pfullinger Bürgermeister Rudolf Heß liest die Jubilarin die Lokalausgabe ihres Geburtstages auf Deutsch. Dort ist am 29. Dezember 1914 vom "Europäischen Krieg" die Rede.

"Du meine Güte" seufzt Erzsebet Maczky begeistert: Die Familie hat hundert Magnet-Sticker mit den Porträts wichtiger Menschen auf eine monströse Pinnwand gezaubert. Ein intuitives Bild, das je nach Geschichte und Geschichten organisiert werden kann. Beim Blättern in alten Fotoalben erinnert sich die Hundertjährige an Namen, Details, Zusammenhänge und Begebenheiten, als wäre alles erst vorgestern passiert. Bücher liest sie digital, auf dem Keyboard spielt sie ihre Lieblingslieder immer noch selbst - und wenn eine schwere Krankheit vor vier Jahren das ungarische Vollblut nicht ans Haus gefesselt hätte, würde Dici, wie sie liebevoll beim Kosenamen genannt wird, wohl auch heute noch Garten und Haushalt in Ordnung halten.

Zwei Familienwappen an der Wohnzimmerwand zeugen vom Stand der Maczkys: Beide, Erzsebet und ihr Mann Laszlo, stammen aus uralten ungarischen Adelslinien. Die Jubilarin selbst wuchs als Halbwaise auf dem großen Gutshof ihres Vaters in Westungarn auf. Die erste Erziehung erhielt sie an der Klosterschule der Ursulinen, Deutsch lernte sie im Internat in Österreich, den Schliff als Dame der Gesellschaft erhielt sie auf einem ungarischen Internat.

"Sie liebte die Musik", erzählt ihre älteste Tochter Emese Kerkay aus New Jersey, "sie war eine leidenschaftliche Person und sich ihres Auftretens immer bewusst. Und sie hat so einen wunderbar trockenen Humor". An der Schule sang sie Soli und dirigierte ein Orchester vom Tisch herunter, damit sie auch ja von allen gesehen wurde.

1939 heiratete Dici standesgemäß den adligen Offizier Laszlo Maczky, der später im Ministerium in Budapest arbeitete. Ihre älteste Tochter war vier Jahre alt, als die Familie über Nacht in den Westen fliehen musste. Es wurden Pläne geschmiedet auszuwandern, aber daraus wurde nichts. In diese Zeit sind noch zwei Mädchen geboren: Enikö und Sudarka. Laszlo, der jüngste Sohn, kam in Stuttgart zur Welt. Die Mutter lebte dort bis 1990 mit ihren Kindern. Der Vater war schon 1969 mit 58 Jahren gestorben. Emese Kerkay wanderte später dann doch in die USA aus und heiratete dort einen waschechten Ungarn. Enikö Karsa wurde in Pfullingen heimisch und nahm die Mutter bei sich auf. Der Sohn Laszlo Maczky lebt mit seiner Familie in München.

Am Ehrentag von Elisabeth Maczky wollte das Defilee der Honoratioren kein Ende nehmen. Der Bundespräsident hatte eine Glückwunschadresse geschickt, Bürgermeister Rudolf Heß die Grußkarte des Ministerpräsidenten in seine große Wundertüte gepackt, aus der er am Montag allerlei Pfullinger Kuriositäten zauberte. Dazu gab es unter dem Georgenberg echt ungarischen Tokajer zu traditionellem Salzgebäck.

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