Vision des Riesen erfüllt

Im Feuilleton der "FAZ" vom 2. Januar wurde ein Artikel von Tony Corn zum Thema "Neue deutsche Illusionen" veröffentlicht - mit Bezug zu List.

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Titelblatt der chinesischen Übersetzung von Lists Hauptwerk "Das nationale System der Politischen Ökonomie" von 1841.

In seinem Beitrag kritisierte Corn, früher in Diensten des US-Außenministeriums und Dozent am Foreign Service Institute in Washington, die deutschen Eliten und wirft ihnen vor, dass sie eine historische Chance verspielten, weil sie den Europäern "eine Föderation aufzuzwingen" versuchten. Bemerkenswert an diesem Artikel sind indes folgende Sätze: "Wer ist heute in China der populärste Wirtschaftstheoretiker? Nicht der Angelsachse Adam Smith, sondern der Deutsche Friedrich List (1789 bis 1846), der gründlichste Kritiker des Laissez-faire-Kapitalismus und intellektuelle Begründer des Neomerkantilismus ... und so ist denn Friedrich Lists Klassiker 2008 zum ersten Mal seit 50 Jahren in Deutschland wieder aufgelegt worden." Im letzten Satz weist Corn auf die von mir herausgegebene Neuauflage von Lists volkwirtschaftlichem Hauptwerk "Das nationale System der Politischen Ökonomie" von 1841 hin.

Ob seine These, dass List heute der "populärste" Wirtschaftstheoretiker in China sei, zutreffend ist, vermag ich nicht zu beurteilen, weil ich keinen Zugang zur chinesischen Fachliteratur habe. Aber folgende Anmerkungen scheinen die These von Corn zu untermauern: 2010 hat das chinesische Staatsfernsehen CCTV eine mehrteilige Sendereihe über den Aufstieg Deutschlands zur Wirtschaftsmacht ausgestrahlt. Dabei wurde eine Sendung dem Thema "Otto v. Bismarck und Friedrich List" gewidmet. Hierzu war ein siebenköpfiges Aufnahmeteam in Deutschland, das auch einen Tag in Reutlingen verbrachte und hier einen Teil der Aufnahmen machte.

Bereits 1925 hat der in Tübingen studierte Wirtschaftswissenschaftler Wang Kai Hua Lists "Nationales System" ins Chinesische übersetzt. In einem Vorwort zu diesem Buch kritisiert der damalige chinesische Botschafter in Deutschland Wei Chenzu, dass China von Billigimporten überschwemmt werde und deshalb immer stärker in die Abhängigkeit ausländischer Großmächte gerate. Der dadurch genährte Groll und die zunehmenden Aggressionen der Bevölkerung würden den politischen Untergang Chinas noch beschleunigen. Deswegen empfahl er eine umgehende Wende, zu der Lists "Nationales System" als theoretische Basis gut geeignet sei.

Schon 1922 hielt Ma Yinchu, der zu den "100 berühmten Persönlichkeiten Chinas" im 20. Jahrhundert zählt, einen Vortrag mit der bemerkenswerten Fragestellung: "Welche Theorie ist für China angemessener, die marxistische oder die Listsche? Dabei warf er den "Marxismus-Fanatikern" vor, dass sie von der Wirtschaftstheorie keine Ahnung hätten und empfahl stattdessen, sich Friedrich Lists Ideen zuzuwenden, die er für Chinas Lage als außerordentlich nützlich und wirklichkeitsnah halte.

Ma Yinchu bekannte, dass er die Listsche Theorie gegenüber der marxistischen bevorzuge. Aus diesem Grunde hoffe er, dass sich möglichst viele Wissenschaftler in China damit befassen mögen. Dass dieser Wunsch angesichts der chinesischen Revolution wirkungslos verhallte, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Im Jahre 2000 ist in Peking ein Buch von Han Deqiang zum Thema "Die Globalisierungsfalle und Chinas richtige Wahl" erschienen. Darin kritisiert der Verfasser die "Marktromantik" von Adam Smith und fordert stattdessen, sich mit Friedrich Lists Thesen auseinanderzusetzen. China solle die naiven Illusionen des Freihandels abschütteln und an ein System, das bereits zusammenbreche, keine Konzessionen mehr machen.

Ob dieses Zitat für das heutige Interesse der Wirtschaftswissenschaft an Lists Ideen repräsentativ ist, kann aus meiner Sicht nicht beurteilt werden, obwohl die derzeit praktizierte chinesische Wirtschaftspolitik diese These zu bestätigen scheint. Im Übrigen prognostizierte List schon 1840 für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts den Aufstieg Chinas zur führenden Wirtschaftsmacht. Im Osten werde "eine neue Welt, eine zweite Riesenmacht" entstehen, "die an Volkszahl die Riesenmacht der Neuen Welt im Laufe der nächsten Jahrhunderte weit übersteigen, an Reichtum aber ihr wenigstens gleichkommen werde." Diese Vision hat sich, wie jedermann weiß, bereits erfüllt.

PROF. DR. DR. EUGEN WENDLER

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