Viele Nationalitäten rühren im Kochtopf

Jeden Mittwoch lernen Schüler aus fast allen Teilen der Welt aus einer Klasse der Laura-Schradin-Schule im Hohbuch-Café Deutsch und mehr.

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Schüler aus der ganzen Welt mit geringen Deutschkenntnissen stehen im Hohbuch-Café mittwochs am Herd.  Foto: 

Mukhtar Atai ist 17 Jahre alt und seit eineinhalb Jahren in Deutschland. Er kam ganz allein aus Afghanistan nach Deutschland, lebt in einer Wohngruppe mit anderen Jugendlichen in Pliezhausen und besucht eine „Vorbereitungsklasse Arbeit und Beruf“ (Vabo) an der Laura-Schradin-Schule in Reutlingen. „Mein Ziel ist der Hauptschulabschluss, um dann eine Ausbildung zu machen“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Atai würde gerne Kfz-Mechaniker werden – im Moment ist er aber dabei, sein Deutsch weiter zu verbessern.

Genau das tut er mittwochs zusammen mit weiteren Schülern der Vabo-Klasse im Hohbuch-Café, einem sehr erfolgreichen Projekt des Reutlinger Diakonieverbands. Die jungen Menschen kommen aus dem Kosovo, Gambia, Italien, Pakistan und vielen anderen Nationen. In der Küche des Hohbuch-Zentrums lernen sie Deutsch und viele praktische Dinge beim Kochen, beim Kassieren und beim Bedienen. „Manches ist für die jungen Menschen aber anfangs nicht so richtig nachvollziehbar“, sagt Beate Schmid als Hauswirtschafterin in der Hohbuch-Küche. „Wenn ihnen jemand ein Trinkgeld geben will, sagen sie schon mal, dass sie doch gerade gar nichts trinken wollen“, führt Schmid als Beispiel an.

Andere Dinge wie Rhabarber oder Semmelknödel sind ihnen genauso fremd. An den Kochtöpfen in der Café-Küche geht es also um viel mehr als nur die Vermittlung von Grundfertigkeiten – so wie es bei den Schülern der Maybach-Schule und der Oberlinschule ist, die jeweils dienstags und donnerstags kochen. Bis Ende 2015 war die Bodelschwingh-Schule noch mit im Boot, „aus organisatorischen Gründen“ sei die Betreuung der Schüler durch Lehrer jetzt nicht mehr möglich, wie es hieß. Bei den anderen beiden Schulen funktioniert das weiterhin – die Laura-Schradin-Schüler allerdings kommen ohne pädagogische Kräfte ins Hohbuch-Café.

Weil der Laden laufen muss – die Mittagsgäste schließlich kommen, weil sie dort ein gutes und günstiges Essen aus regionalen Produkten erhalten – ist laut Karin Schenk als Leiterin des Hohbuch-Cafés wenig Zeit für Pädagogik. Und es sei auch nicht ganz einfach, den Schülern mit wenig oder fast gar keinen Deutsch-Kenntnissen neben dem Kochen her viel zu erklären. Öfter komme es zu Missverständnissen, weil die sechs Jugendlichen nicht verstehen, was sie tun sollen. „Allein die Einweisung benötigt ganz schön viel Zeit“, berichtet Schmid.

Doch nach und nach wachsen die Sprachkenntnisse ebenso wie das Verständnis für die festgelegten Abläufe in der Küche und bei der Ausgabe der Mahlzeiten. So erging es auch der 18-jährigen Fjolla Sylejmani, die keine Eltern mehr hat und ebenfalls allein in einer Wohngruppe lebt. Sie stammt aus dem Kosovo, hat hier Asyl beantragt, das Verfahren läuft momentan. Und sie hat Angst. Angst davor, dass sie von jetzt auf nachher abgeschoben werden könnte. Die Arbeit im Hohbuch-Café empfindet sie als toll und sie würde gerne später mal in der Gastronomie arbeiten.

Mukhtar Atai ist sehr nachdenklich, er spricht schon sehr gut Deutsch, doch seine Gedanken sind fast ständig in Kabul, bei seiner Familie. Die Situation dort ist alles andere als sicher, Mukhtar ist in Sorge um die Verwandten. Fast täglich telefoniert er mit ihnen, es ist nicht leicht für den jungen Mann, in der Fremde allein klarzukommen. Doch seine Familie wollte ihn in Sicherheit bringen – weil er sich mit den Taliban angelegt hatte.

Die jungen Menschen aus allen erdenklichen Ländern lernen in der Küche viel über das Land, in dem sie nun sind. „Die Jugendlichen sind durchweg sehr freundlich, willig und höflich“, betont auch Karin Schenk. Und die Gäste des Hohbuch-Cafés? „Die sind sehr aufgeschlossen, nur die Kommunikation klappt noch nicht so ganz – weil die Jugendlichen sich nicht trauen, ihre noch geringen Deutschkenntnisse auszuprobieren“, sagt Schenk.

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