Viel erlebt - viel mitgemacht

50 gemeinsame Jahre. "Eine lange Zeit", sagen Anna und Luigi Valent-Simonetti. Sie kamen als klassische "Gastarbeiter" - und sie sind geblieben.

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Anna und Luigi Valent-Simonetti feiern goldene Hochzeit.  Foto: 

Viel haben sie mitgemacht, viel erdulden und erleiden müssen. Besonders in der Familie von Anna Simonetti, wie sie mit Mädchennamen hieß, sind viele Verwandte früh gestorben. In ihrer Heimat, in der Gegend von Udine im Friaul, gab es keine Arbeit - "das ist eine typische Bergregion, zu dem Dorf, in dem wir lebten, gab es nicht mal eine Straße". Und Arbeit schon gar nicht - die Landwirtschaft, von der die Menschen damals dort lebten, konnte nicht mehr alle ernähren, die jungen Menschen verließen die Dörfer, berichtet Anna Valent-Simonetti.

Ihr Mann Luigi kam schon 1960 nach Reutlingen, hatte bei der Firma List eine Anstellung gefunden. "Ein Freund von mir war schon dort und hatte gesagt, dass es da Arbeit gibt." Vorher war der heute 76-Jährige in der Schweiz im Tunnelbau beschäftigt, bevor er dann an der Achalm als Zimmermann arbeitete. 1965 kam seine Frau nach, "mit zwei Koffern", wie sie sich heute erinnert. Mitgebracht hat sie "von jedem ebbes", sagt sie in perfektem Schwäbisch und lacht. Aus den Koffern hat sie heute noch einen Teller, "der ist nicht kaputt zu kriegen", schmunzelt ihr Mann.

Zunächst fanden sie eine Wohnung in Orschel-Hagen, aber das Wort "Wohnung" erscheint heute als pure Übertreibung: "Wir hatten ein Zimmer in einer Wohnung, die wir uns mit einem deutschen Paar teilten", berichtet Anna Valent-Simonetti. Arbeit fand sie in Pliezhausen als Näherin, gelernt hatte sie das nicht, aber sie stellte sich geschickt an. "Dabei konnte ich kein einziges Wort Deutsch." Manchmal frage sie sich, wie sie das alles früher geschafft habe: Die Heimat zu verlassen, sich ohne Sprachkenntnisse in einem fremden Land zurechtfinden und Fuß fassen. "Wir wollten ja gar nicht bleiben", stellt Luigi Valent-Simonetti heute nüchtern fest.

"Wenn es in unserem Dorf besser würde und wir dort Arbeit fänden, wollten wir zurück." Stattdessen traf 1976 die Region im Friaul ein schweres Erdbeben und zerstörte nahezu eine ganze Region. Und bei den Valent-Simonettis kam in Reutlingen das erste, dann das zweite Kind. Mehrere Umzüge folgten, "als wir 1977 dann noch eine weitere Tochter als Nachzüglerin kriegten, hatten wir immer noch kein eigenes Bad", betont die 71-Jährige. Erstaunlich, mit wie wenig man sich vor ein paar Jahrzehnten doch zufrieden gab, sagt sie. Vor mehr als 20 Jahren ereilte Luigi Valent-Simonetti dann ein Schlaganfall, seitdem ist er halbseitig gelähmt. Als er wegen Arthrose in den Knien operiert wurde, bekam er kurz danach eine Trombose, ein Herzinfarkt folgte und seine Gelenke liefen hinterher schlechter als vorher. Heute kann der 76-Jährige allein gar nicht mehr aufstehen, laufen ist extrem mühsam und ohne Hilfe auch nicht möglich. Doch eins hat das Paar - ihre Familie: Drei Töchter, Schwiegersöhne, Partner und sechs Enkel, die alle nicht weit entfernt wohnen, werden am Sonntag da sein, wenn alle zusammen gemeinsam essen gehen. Treppen, Stufen laufen oder besser, zentimeterweise ertasten und die steifen Beine vorwärts schleppen - das ist eine Qual.

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