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  • Die Hüter des textilen Schatzes, Regine Lechler-Fiola und Prof. Dr. Eugen Wendler mit dem Dekan der Fakultät Textil & Design, Prof. Michael Goretzky (rechts), präsentieren im überquellenden Kellerraum der Fakultät einige der einzigartigen japanischen Textilproben. 1/2
    Die Hüter des textilen Schatzes, Regine Lechler-Fiola und Prof. Dr. Eugen Wendler mit dem Dekan der Fakultät Textil & Design, Prof. Michael Goretzky (rechts), präsentieren im überquellenden Kellerraum der Fakultät einige der einzigartigen japanischen Textilproben. Foto: 
  • Zum Teil hochmodern, weil zeitlos wirken die Stoffmuster der Gewebesammlung, obwohl sie aus dem 19. Jahrhundert stammen. 2/2
    Zum Teil hochmodern, weil zeitlos wirken die Stoffmuster der Gewebesammlung, obwohl sie aus dem 19. Jahrhundert stammen. Foto: 
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Es ist nicht nur für Fachleute ein unglaublicher Schatz: Rund eine halbe Million historische Stoff- und Gewebeproben lagern im Keller der Fakultät für Textil & Design der Hochschule Reutlingen. Betreut wird das Erbe des Textiltechnikums, aus dem die Hochschule hervorgegangenen ist, von Oberstudienrätin Regine Lechler-Fiola und Prof. Dr Richard Schilling. Als dritter im Bunde hat sich Emeritus Prof. Dr. Eugen Wendler hinzugesellt, gemeinsam wollen die Drei die einzigartige Sammlung aus dem Dornröschenschlaf zu neuem Leben erwecken.

Die fein säuberlich eingeklebten Stoffstücke in dicken handbeschriebenen Musterbüchern datieren aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, der Zeit der Blüte der heimischen Textilindustrie. Der Ursprung der Sammlung liegt im so genannten „Musterlager“, das von der württembergischen Regierung 1850 an der zwei Jahre zuvor durch Ferdinand von Steinbeiß gegründete „Centralstelle für Gewerbe und Handel“ in Stuttgart eingerichtet wurde. Es war nach dem „Conservatoire des Arts et Métiers“, das seit 1794 in Paris existierte, das zweitälteste Gewerbemuseum Europas, heute würde man von einem Technikmuseum sprechen.

Um 1860 wurde hier begonnen, eine größere Sammlung ostasiatischer, insbesondere chinesischer und japanischer Kunst- und Gewebeobjekte anzulegen. Entscheidend bereichert wurde diese Kollektion durch die 1881 zunächst leihweise überlassene umfangreiche Japan-Sammlung von Dr. Erwin Baelz. Der gebürtige Bietigheimer, der unter anderem in Tübingen Medizin studierte, wurde 1875 an die einzige medizinische Akademie Japans nach Tokyo berufen. Als Mensch, Forscher und akademischer Lehrer „wurde er dort bis in die höchsten Kreise eine allenthalben sehr geachtete Persönlichkeit“, berichtet Eugen Wendler, den dieser Teil der heutigen Sammlung besonders fasziniert. Baelz, der 30 Jahre in Japan lebte, genoss den Ruf eines Wunderdoktors, wurde sogar „im Kaiserhaus als medizinischer Berater hinzugezogen und war zuletzt Leibarzt des damaligen Kronprinzen und späteren Kaisers von Japan“.

So gelangte der vielseitig kulturell interessierte Medicus – in seiner Sammelleidenschaft trug er über 6000 Objekte zusammen, darunter eine beachtliche Kollektion altjapanischer Gewebefragmente von 1530 bis 1880 –, in den Besitz von kunstvollen Stoffen, die ausschließlich für die kaiserliche Familie angefertigt worden waren. Und weil Baelz Lebenspartnerin aus einer hochgestellten japanischen Familie stammte, konnte er sich auch jene besonderen Stoffe sichern, die den sieben Adelsstufen vorbehalten waren.

Ende des 19. Jahrhundert ging die komplette Sammlung dann in das Eigentum des Landes-Gewerbemuseums über. 1933 wechselte der größere Teil der Baelz’schen Sammlung mit rund 900 Gewebefragmenten an das Staatliche Technikum für Textilindustrie nach Reutlingen und bereicherte dessen umfangreiche Gewebesammlung. Hier waren zu Ausbildungs- und Anschauungszwecken systematisch Stoffproben aus den Naturmaterialien Wolle, Leinen, Seide und Mischgarnen zusammengetragen und archiviert worden. Erst Mitte des 20. Jahrhundert mit dem Aufkommen von Kunstfasern endet die Sammlung.

Wie wichtig die Gewebesammlung für Praktiker war, zeigt die Nachfrage. Allein zwischen 1885 und 1891 wurden fast 4300 Objekte an 240 Fachleute und 19 Gewerbevereine ausgeliehen. Schließlich sollten die Stoffproben nicht als museale Gegenstände hinter Glas einem interessierten Publikum präsentiert, sondern zum genauen Studium und Kopieren für jeweils drei Wochen ausgeliehen werden. Aus heutiger Sicht indes, so Wendler, „erscheint die gut gemeinte Praxis freilich frevelhaft, weil die Benutzer viele Fragmente verstümmelt haben, indem sie mehr oder weniger große Abschnitte herausschnitten“.

Wie bedeutsam die Japan-Sammlung der Hochschule tatsächlich ist, zeigte sich erst in jüngster Vergangenheit. Experten an den Universitäten in Zürich und Bern und Prof. Sawada vom Nationalmuseum Tokyo untersuchten die Stücke. Vor allem der japanische Fachmann, der die Symbole, Farben und die Bedeutung der Stoffe erkannte, bescheinigt der Reutlinger Kollektion, „einzigartig in der Welt“ zu sein, berichtet Wendler stolz. Ein japanischer Wissenschaftler will gar „über die Sammlung mit Techniken, die man in Japan nicht mehr kennt, habilitieren“. Ihr besonderer Wert liegt für die Fachleute nicht nur in ihrer Einzigartigkeit und außergewöhnlich guten Erhaltung, sie sei auch deshalb so bedeutsam, weil die meisten Fragmente datiert und mit dem Fachterminus bezeichnet sind.

Bereichert wurde die Sammlung aber auch aus anderen Quellen. So schenkte ein Absolvent aus Peru seiner alten Schule aus Dankbarkeit ein Dutzend wertvolle alte Stoffe aus dem Andenstaat, darunter textile Grabbeigaben aus dem 7./8. Jahrhundert.

Angesichts solcher Preziosen ist denn auch für Dekan Prof. Michael Goretzky die Sammlung „eine technische Offenbarung“. Er würde gern die schönen alten Gewebe für moderne textile Materialien nutzen, „alte und neue Technologie kombinieren, den Spagat zwischen beiden Bereichen hinbekommen“. Dafür allerdings sei die momentane Unterbringung nicht adäquat. Er will „ein Konzept erarbeiten, um diesen Schatz zu heben“ – am liebsten in einem neuen „Gebäude für textile Innovation“, in dem „von der Vergangenheit herkommend der Blick in die Zukunft geht“.

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