Verquickung unglücklicher Umstände

"Sie hätten nicht besser handeln können", urteilte der Richter über einen 21-Jährigen. Ihn treffe keine Schuld am Tod eines schwerbehinderten Mannes. Die Ursache liege vielmehr in anderen Missständen.

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Beifall im Gericht ist nicht oft zu hören. Gestern geschah das, als Amtsrichter Sierk Hamann einen Freispruch "ohne Wenn und Aber" aussprach. Betroffen von dem Urteil war ein junger Mann, der am 9. Februar 2012 gerade mal 19 Jahre zählte. Vier Jahre machte er ein Praktikum bei der KBF-Behinderteneinrichtung in Reutlingen.

An dem verhängnisvollen Tag sollte er als Fahrer zwei schwerstbehinderte, dauerbeatmete Männer vom Haus der Sozialen Dienste der KBF in der Erwin-Seiz-Straße nach Pfullingen fahren. Bei beiden war das Beatmungsgerät hinten am Rollstuhl befestigt. Ungeklärterweise löste sich der Schlauch am Gerät des einen Mannes, das Alarmsignal ging 15 Sekunden später los, der Fahrer hörte es aber nicht sofort - die Gründe dafür blieben im Dunkeln. Radio, Verkehrslärm, Baustellenkrach, vieles war denkbar.

Eine Verfehlung konnte dem heute 21-Jährigen aber nicht nachgewiesen werden, so Hamann. Der Angeklagte sei nun mal kein ausgebildeter Rettungssanitäter gewesen, er habe keine weitreichende Einweisung in das Gerät erhalten. Hinzu kam, dass die Verbindung vom Atemschlauch zum Gerät mangelhaft gewesen sei, einfach nur draufstecken, sonst nichts. "Es fehlt ein Schnappverschluss", so Staatsanwältin Henriette Unsöld. "Jeder Gartenschlauch ist besser gesichert als dieses Ding", hatte der Vater des Opfers als Zeuge betont.

Was der Vater ebenfalls bemängelte: "Früher sind bei den Transporten immer zwei Personen mitgefahren." Ja, sagte ein KBF-Mitarbeiter, das sei noch zu Zeiten der Zivildienstleistenden gewesen. "Einrichtungen wie wir müssen heute mit der Hälfte der Ergänzungskräfte die gleiche Arbeit wie damals machen."

Bundesfreiwilligendienstler und Praktikanten gebe es einfach viel zu wenige. Aber: Mit einer zusätzlichen Begleitperson hätte der 29-Jährige wohl überlebt. Obwohl: Der zweite Rollstuhlfahrer hatte ausgesagt, dass er deutlich näher am Opfer war und das Signal am Beatmungsgerät dennoch nicht gehört habe. Der Ton sei mit 71 Dezibel viel zu leise gewesen, um Lebensgefahr zu signalisieren, so Hamann. Zumal, wenn der Ton erst nach 15 Sekunden einsetzt, nach 30 Sekunden ohne Sauerstoff laut Sachverständigem aber bereits irreversible Hirnschädigungen auftreten. Dann wären dem Fahrer gerade mal 15 Sekunden geblieben, um aus dem Verkehr auszuscheren, das Auto irgendwo gefahrlos abzustellen, nach hinten zu laufen, nachzusehen, was mit dem Gerät nicht stimmt - innerhalb dieser kurzen Zeit wäre das kaum machbar gewesen. Zumal er das Beatmungsgerät gar nicht sehen und somit auf einen Blick erkennen konnte, dass der Schlauch abgerutscht war.

Warum der Schlauch nicht mehr mit dem Gerät verbunden war? Vielleicht lag es an der Temperatur, vermutete ein weiterer Sachverständiger. An diesem Februartag herrschten 15 Grad minus. Letztendliche Ursachen für den Tod des Mannes? "Eine Verquickung unglücklicher Umstände", so der Richter. Vielleicht spielte auch eines der Schlaglöcher in der Straße eine Rolle. Und dass an dem Gerät keine Fernalarmierung eingerichtet war. Auf jeden Fall: Den angeklagten ernsthaften und verantwortungsvollen jungen Mann treffe keine Schuld, betonte Hamann. Das Verfahren allein sei schon eine außerordentliche Belastung für den 21-Jährigen gewesen.

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