Ungewöhnliche Klänge

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Ungewöhnliche Klänge schweben in den kommenden Wochen wieder öfter durch die Reutlinger Wilhelmstraße. Das wird nicht nur daran liegen, dass das Weihnachtsfest spürbar näher rückt, sondern auch an fünf professionellen Blasmusikern, die aus St. Petersburg angereist sind und auf dem Weihnachtsmarkt oder auch in der Fußgängerzone aufspielen werden. Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ sind da zu hören, Bachs „Toccata“ und Fuge d-moll und vieles mehr. Ein wahrer Genuss. So manche Vorbeieilenden werden sich da fühlen, als befänden sie sich in einem Konzertsaal – denn das musikalische Erlebnis, das Oleg, Jewgeni 1, Anatoli, Wladimir und Jewgeni 2 dort bereiten, ist wahrlich außergewöhnlich.

„Wir sind in Petersburg losgefahren und waren 25 Stunden später in Dresden“, berichtet Oleg im Gespräch mit unserer Zeitung in der Reutlinger Wilhelmstraße. Extrem niedrige Temperaturen waren das in Russland bei der Abfahrt, „wir hatten Eis und Schnee bis Lettland“. In Dresden spielten sie ihr erstes Konzert auf ihrer Deutschland-Tour, die sie mittlerweile, in wechselnden Besetzungen, schon seit mehr als 20 Jahren unternehmen. Allerdings darf man sich die Tournee nicht vorstellen wie mit einem großen Orchester, bei dem von vorne bis hinten alles durchorganisiert ist. Und die Musiker womöglich in den besten Hotels absteigen.

„Als Jewgeni vor mehr als 20 Jahren, da war er 17, zum ersten Mal in Deutschland war, übernachtete er in der Nähe von Pforzheim im Wald“, berichtet Dr. Brigitte Strohmaier. Sie ist zu einer zentralen Person, zu einer Anlaufstelle für die fünf Russen in Reutlingen geworden. „Patron“, sagt Oleg. „Ich bin ihre Mama“, entgegnet Strohmaier und blickt die Männer fürsorglich an. Sie hat für das Quintett ein Appartement gemietet für die fast sechs Wochen, die die Profi-Musiker in Süddeutschland sind. Und die ehemalige Frauenärztin sowie vielseitig ehrenamtlich-sozial engagierte Reutlingerin kümmert sich auch um das Programm der fünf Russen.

Vom Auftritt in Dapfen über Kirchen in Rübgarten, Gingen/Fils, Karlsruhe, Gönningen, Botenheim und Pforzheim sowie immer wieder in Reutlingen ist der Terminkalender vom noch bis zum 18. Dezember reich gefüllt. Geld erhalten sie immer so viel, wie die Besucher der Veranstaltungen zu geben bereit sind. „Dazwischen sind wir in anderen Städten und spielen dort in den Fußgängerzonen“, berichtet Jewgeni. Kürzlich kamen sie nur für den Pressetermin in die Reutlinger Wilhelmstraße, danach ging’s aber gleich weiter nach Kirchheim, dann Tübingen. „Wir wollen niemandem zur Last fallen“, sagt Oleg und meint damit, dass die jeweils umliegenden Läden sich nicht von ihrer Musik gestört fühlen sollen. „Deshalb spielen wir immer nur ein paar  Stunden an einem Ort.“

Am Dienstag sind sie mit ihrem Wagen in die Schweiz gefahren, nach Bern wollten sie unbedingt. Ob sich das lohnt? Zumal sie schon Monate vorher einen Platz für 50 Euro in der dortigen Einkaufszone mieten mussten? „Manchmal lohnt es sich, manchmal nicht“, sagt Jewgeni und zieht die Schultern nach oben. Dabei wären sie dringend auf das Geld angewiesen – deswegen kommen sie ja überhaupt hierher: Um Geld zu verdienen. „In den Profi-Orchestern, in denen sie jeweils spielen, verdienen sie nicht viel mehr als 250 Euro im Monat“, sagt Strohmaier. „Davon kann man keine Familie ernähren“, ergänzt Jewgeni. Deshalb haben sie auch alle mehrere Engagements, in Jazzbands etwa oder geben Musikunterricht.

Anatoli ist gebürtiger Ukrainer, war als Solo-Trompeter schon mit Orchestern in der ganzen Welt unterwegs. Gestrandet ist er in Petersburg – und geht nun mit den anderen Musikern auf Schwaben-Tour. Aber: „Er will was anderes machen“, erzählt Oleg. Anatoli habe genug davon, sich mit der Musik gerade mal so, mehr schlecht als recht, über Wasser zu halten. „Er will als Immobilienmakler arbeiten.“

Während es ein wahrer Genuss sein kann, den fünf Musikern zu lauschen, ist das Leben für das Quintett ansonsten wirklich keine pure Freude: In den kalten Fußgängerzonen zu stehen, auf ein möglichst spendables Publikum zu hoffen, immer mal wieder auch vertrieben zu werden, während zuhause das Wasser durch das Dach läuft oder das Auto von Polizei und Abschleppdienst einfach geklaut wird – da ist die Freude doch stark getrübt. „Die Korruption in Russland ist riesig“, sagt Brigitte Strohmaier, die dennoch die russische Seele liebt. „Schon immer“, schwärmt sie. Deshalb war es für die Ärztin im Jahr 2010 auch keine Frage, als sie in der Reutlinger Wilhelmstraße einen Zettel der Musiker sah: „Suche Unterkunft“ Sie habe prompt reagiert, die Männer zu sich eingeladen, daraus ist jedes Jahr wieder eine Dauereinrichtung geworden. „Sie schlafen in einem Appartement am Gartentor, kommen aber immer wieder zu mir zum Essen“, berichtet die Ärztin, die selbst ein wenig russisch spricht. „Es ist doch schön, wenn man kocht und es schmeckt den Gästen.“ Zu den meisten Konzerten begleitet Brigitte Strohmaier die Profi-Musiker auch noch. Schließlich ist die Musik, die sie präsentieren, nur vom Feinsten.

Die fünf Musiker spielen am 4. Dezember in Eningen im Seniorenzentrum St. Elisabeth um 16 Uhr, am gleichen Tag in Sondelfingen in der Johanneskirche um 19 Uhr, am 6. und 13. Dezember jeweils um 17 Uhr auf dem Reutlinger Weihnachtsmarkt, am 10. Dezember um 19.30 Uhr in Gönningen in der evangelischen Kirche, am 11. Dezember in der Eninger evangelischen Kirche im Gottesdienst um 10 Uhr und am 14. Dezember um 16 Uhr im Lucknerhaus in Reutlingen. Dazwischen sind sie in der gesamten südwestdeutschen Region unterwegs. Und spielen auch immer mal wieder in der Reutlinger Fußgängerzone. nol

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