Ungehobene Schätze der Kindheit

"Mit 60 bekam ich dieses unglaubliche Rentengeschenk", erzählt die Reutlingerin Sibylle Mulot nach der Rückkehr aus Frankreich. "Der Literaturbetrieb war eine tolle Erfahrung. Jetzt schreibe ich für mich."

|
Nach Jahren in Frankreich zurück in Reutlingen: Autorin Sibylle Mulot. Foto: Steidle

"Der gehobene Schatz" ist ein Buch mit eigener Textur, erschienen bei der Stadtbücherei und herausgegeben von der Reutlinger Schriftstellerin Sibylle Mulot. Es enthält zehn Kindheitserinnerungen, die während eines ersten Schreib-Workshops 2013 entstanden sind und so einzigartig waren, dass sie einen größeren Leserkreis suchten.

Eine kurzweilige Stunden-Lektüre, in der Sibylle Mulot auch ihre eigene Reutlinger Kindheit als "Isi" wieder aufleben lässt. Am 7. Mai ist es wieder soweit: In der Stadtbibliothek Reutlingen sucht die Autorin bei ihrer zweiten Schreibwerkstatt nach "ungehobenen Schätzen aus der Kinderwelt".

SÜDWEST PRESSE: Was macht Reutlingen so sexy, dass Sie nach 20 Jahren erfolgreicher schriftstellerischer Tätigkeit in Frankreich wieder zurückkommen?

SIBYLLE MULOT: Ich hatte nach 20 Jahren Abwesenheit einfach Heimweh. Das überfällt einen wie aus heiterem Himmel. Es ist ein bisschen wie unglücklich verliebt sein. Ich bekam dieses unglaubliche Geschenk: Rente für Frauen mit 60. Zuhause ankommen war herrlich! Reutlingen hat sich gut rausgemacht. Man kann sich in der Gegend jahrelang ablenken. Das ist wie eine große Pralinenschachtel!

Verliebt in Reutlingen? Sie gehen durch die Straßen, besuchen Ihre Lieblingsplätze und degustieren die schwäbische Mundart, als ob es das Letzte ist, was es zu entdecken gibt.

MULOT: Ich bin glücklich damit. Ich stiefle in Reutlingen rum und genieße einfach. Ich recherchiere in Archiven. Ich habe über die Kindheit nachgedacht und Erinnerungen gesammelt.

Wird daraus etwas Neues?

MULOT: Das so aufzubereiten, dass es für viele interessant ist, ist ein Saugeschäft. Warum sollte ich mir das antun? Ich habe in 20 Jahren 30 Bücher geschrieben, übersetzt oder herausgegeben. Der Literaturbetrieb war eine tolle Erfahrung. Jetzt schreibe ich für mich.

Beim Lesenachmittag in der Stadtbibliothek haben Ihre Kurzgeschichten begeisterte Liebhaber gefunden. MULOT: Schreiben ist ziemlich mühsam. Gleichzeitig Kunst und Handwerk. Für mich sind Gedanken Prozesse. Der Versuch, den Gedanken in Schriftform umzukleiden. Das Ergebnis einer Unterhaltung in Text zu gießen, davon gibt es 17 Varianten, die alle stimmen.

Was wert ist zu überdauern, ist das Ergebnis härtester Arbeit. Deshalb dauern Bücher so lange.

Die Begebenheiten Ihrer Bücher wirken oft surreal, die Charaktere wie im Brennglas, die Resultate unfassbar. Woher kommt diese Fiktion?

MULOT: Ich schreibe biografisch. Ich erfinde nichts. Es geht um Lebenslinien, von sich und den anderen. Gedanken sind ausufernde Prozesse. Während man lebt, entgeht man sich. Es lässt sich erst im Nachhinein sagen, woher das kommt und wie das motiviert ist.

Freiheit, Selbstbestimmung und die Intrigen des Lebens sind zentrale Themen. War das der Zeitgeist?

MULOT: Jahrgang 50 studierten die Frauen. Man sah die Möglichkeiten. Es stand alles offen. Wofür sollte man sich entscheiden? Viele Frauen haben einfach alles ausprobiert. Die Kommilitonen waren völlig verwirrt. Die Rollenbilder stimmten einfach nicht. Zehn Jahre später war das alles schon normal. Alice Schwarzer ist die Generation meiner älteren Schwestern. Ich habe diese Errungenschaften schon geerbt. Das erste Zerrissensein war weg. Eine privilegierte Situation.

Woher nimmt "Isi", die Figur Ihrer Kindheit, diese unglaubliche Fantasie?

MULOT: Wie Kinder mit ihrer starken Logik sich die Welt zu recht legen, ist einmalig. Ich komme aus dem Bildungsbürgertum mit allen Schwächen. Einer großen Bibliothek. Einer Beethovenbüste auf dem Klavier, in der alle Künstler immer schon "fertig" waren. Es gab immer nur das Meisterwerk. Sechs Generationen Pfarrer hintereinander - das habe ich als Kind irgendwie "komisch" gefunden. Man hatte den Ruch der Freiheit. Das prädestiniert zum Außenseitertum.

Was erwartet die Teilnehmer an der zweiten Schreibwerkstatt zum Thema Kinderwelten?

MULOT: Wir schreiben in erster Linie für uns selbst. Ich will, dass die Teilnehmer lernen, ihre Fragen und Rätsel in Text zu übersetzen, ihre Gespenster zu bannen. Beim Auskramen von Erinnerungen kann keiner widerstehen.

Der literaturhistorische Einstieg erfolgt über "gute" Beispiele. Virginia Woolf schreibt sehr subtil. Es geht um die technische Seite, um wörtliche Rede.

Dann ist es wie "Klagenfurt" - einer liest vor und wird von den Mitteilnehmern juriert. Dabei geht es nur um den Text. Dazu gehört Mut. Das ist unerhört produktiv.

Was sind die Voraussetzungen?

MULOT: Wir hatten im letzten Kurs eine Altersspanne von 25 Jahren. Das ist bereichernd. Darunter viele, die Gedichte schreiben, Naturtalente in der Prosa sind.

Welche, die schon an Literaturwettbewerben teilgenommen haben und Laien. Die einen lassen sich treiben. Die anderen haben fertige Geschichten. Das Handwerk ist erlernbar. Die Kunst ist vermittelbar. Wenn es genügend herausragende Texte gibt, könnte es wieder ein Buch geben.

Lebenslauf
Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

„Fürs Wetter können wir nichts“

Eine kleine Umfrage unter den Beschickern des Reutlinger Weihnachtsmarktes zeigt: Die Mehrzahl der befragten Händler ist mit dem Geschäft zufrieden. weiter lesen