Und dann gehörst du nicht mehr dazu

Wer arbeitslos ist und Probleme mit Anträgen hat, für den ist Arbi die richtige Adresse. Dort beraten fachlich versierte Personen - neben den Hauptamtlichen Anja Schnell und Aline Binz auch Peter Luksch.

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Aline Binz und Peter Luksch beraten Hartz-IV-Empfänger und Langzeitarbeitslose kompetent. Foto: Norbert Leister

Wie das ist, den Arbeitsplatz verloren zu haben, weiß der gelernte Radio- und Fernsehtechniker sowie EDV-Spezialist ganz genau: "Ich war selbst längere Zeit arbeitslos - da geht man nicht mehr raus aus der Wohnung", berichtet der 59-jährige Peter Luksch. Warum? Das hänge mit dem Selbstwertgefühl zusammen, man fühle sich nicht mehr zugehörig und "innerlich ausgegrenzt". Und wenn Freunde einen auf ein Bier in die Kneipe einladen, "dann macht man das einmal mit, vielleicht auch zweimal, danach zieht man sich zurück". Weil man ja schließlich nicht von anderen ausgehalten werden will. Die soziale Isolation beginnt.

Peter Luksch war 15 Jahre in einer EDV-Firma tätig. Als der Betrieb den Bach runterging, stand er ohne Job da. Als "Vermittlungshemmnis" (wie es in der Jobcenter-Verwaltungssprache heißt) erwies sich, dass er Mitte 40 war. Zu alt. Vermittlungshemmnis Nr. 2: Luksch war gesundheitlich schwer angeschlagen. Beides reicht meist aus, um auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr vermittelbar zu sein. Aussortiert. Luksch verlor zudem seine Wohnung, dabei hatte er noch Glück: Er kam immer wieder bei Freunden unter, musste nicht unter Brücken schlafen.

Nachdem er wieder eine eigene Bleibe fand, riss er sich selbst aus der sozialen Isolation heraus. "Ich hatte die Überzeugung, dass ich was kann." Über die Montagsdemonstration kam er zur Arbeiterbildung, engagiert sich seitdem dort seit vielen Jahren, wurde zu einem unentbehrlichen fachlich hochkompetenten Berater im Umgang mit dem Jobcenter, mit Hartz IV, mit Formularen, Anträgen und dem Sozialgesetzbuch. Aber er sieht auch: "Es ist unglaublich schwer, sich selbst zu motivieren, wenn man mal zwei Jahre oder länger arbeitslos ist."

Warum soll man eigentlich morgens überhaupt aufstehen, wenn das eh niemand interessiert? Hinzu kommt nach den Worten der Sozialpädagogin Aline Binz "das Unverständnis des sozialen Umfelds". Oftmals heißt es: "Warum findest du keinen Job, du bist doch selber schuld." Wer will, der kann auch. Oder auch nicht, wie fast eine halbe Million Langzeitarbeitslose in Deutschland zeigen.

Die abwertende Haltung vieler kennt auch Peter Luksch: "Bei der Montagsdemo laufen immer wieder Leute vorbei und rufen: Sucht euch doch Arbeit." Doch es stimme einfach nicht, dass, wer auf dem heutigen Arbeitsmarkt suchen will, auch findet. Die so genannten "Vermittlungshemmnisse" machen es Arbeitssuchenden oft schwierig bis unmöglich, überhaupt eine Aussicht auf eine Arbeitsstelle zu haben.

Die innere Leere, Haltlosigkeit, ganz wenig Geld und das sinkende Selbstwertgefühl der Betroffenen kommen hinzu - "viele geben dann auf, weil sie eigentlich nicht mehr vermittelbar sind", betont der 59-Jährige. Ein sozialer Arbeitsmarkt könnte Abhilfe bringen und den Menschen wieder einen Sinn im Leben geben, fordern Gisela Steinhilber von der AWO, die Grünen-Bundestagsabgeordnete Beate Müller-Gemmeke und auch Landessozialministerin Katrin Altpeter.

Für Luksch war klar: "Den ganzen Tag auf der Couch sitzen, kam für mich nicht in Frage." Stattdessen engagiert er sich jeden Öffnungstag bei der Arbeiterbildung, berät die Menschen, die ihm und den beiden Hauptamtlichen Aline Binz und Anja Schnell zumeist sehr dankbar sind. Eigentlich wäre die Beratung ja Aufgabe des Jobcenters, sagt Luksch. Dennoch bringt er sich rein ehrenamtlich ein, hilft, wo er nur kann. Und er will den Langzeitarbeitslosen wieder einen Sinn im Leben geben. Deshalb empfiehlt er etwa von der Arbi organisierte Bärlauchwanderungen, gemeinsame Pilzsuche oder was ihm nun vorschwebt - ein Reparaturservice. Getreu seinem Motto: "Jeder Mensch kann irgendwas." Auch wenn er oder sie arbeitslos ist.

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