Umbau der Gesellschaft ist notwendig

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Einblicke in die Armut von Familien und Kindern gewährten am Dienstagabend bei der Veranstaltung im Haus der Jugend auf Einladung des SPD-Kreisverbands Sabine Drecoll, Reinhard Glatzel und Rainer Hinderer sowie einige der mit diskutierenden Gäste.  Foto: 

Armut macht krank. Armut grenzt aus. Armut macht perspektivlos und engt ein, weil keine Freizeit- und kulturellen Aktivitäten möglich sind, Urlaub schon gar nicht“, betonte Rainer Hinderer als Heilbronner SPD-Landtagsmitglied. „Und Armut ist entwertend“, schob der gelernte Sozialpädagoge nach. Er wisse, wovon er spreche, schließlich sei  er „Vorsitzender des Landtagsausschusses für Soziales und Integration“ und beschäftige sich schon seit vielen Jahren mit dem Thema.

„Im Landkreis Reutlingen leben rund 3300 von Armut betroffene Kinder“, berichtete Reutlingens Kreisjugendamts-Leiter Reinhard Glatzel am Dienstagabend im Haus der Jugend vor rund 30 Interessierten. Auf Einladung des SPD-Kreisverbands waren sie gekommen, um sich mit dem Thema „Kinderarmut“ zu beschäftigen. Unvorstellbar „und eine Schande“, so Glatzel, dass „in einem so reichen Land etwa 15 Prozent der Bevölkerung in Armut leben müssen“.

Viele der armen Kinder würden bei nur einem Elternteil aufwachsen, das Armutsrisiko liege statistisch betrachtet bei Alleinerziehenden mit einem Kind bei 38,4 Prozent, sagte Hinderer. Sollten zwei Kinder da sein, „steigt die Armutsgefährdung auf fast 50 Prozent“, betonte das SPD-Landtagsmitglied. Die Ursachen dafür lägen auf der Hand, zumeist seien es ja Frauen, die alleinerziehend sind. Weil sie als allein Verantwortliche für die Kinder nur Teilzeit arbeiten könnten, kriegen sie meist nur schlecht bezahlte Jobs. Haben sie keine Großeltern in der Hinterhand, die bei Krankheit, Schulausfall oder in den Ferien einspringen, seien wirklich gute Arbeitsstellen für alleinerziehende Mütter fast nicht zu bekommen. Kinder-Ganztagesbetreuungen müssten deshalb dringend weiter ausgebaut werden, betonte Hinderer.

„Wer arm ist, ist nicht automatisch zugleich sozial schwach“, betonte Bettina Noack vom Mütter- und Nachbarschaftszentrum. „Sie tun fast immer alles für ihre Kinder.“ Die Konsequenz laute also: „Man muss auch nach den Müttern schauen, für viele wären 100 oder 200 Euro im Monat mehr schon viel wert“, so Noack. Allerdings bräuchten die Ein-Eltern-Familien zudem günstigen Wohnraum, an dem es auch in der Region massiv mangle, so Glatzel. Und es gelte von Amts wegen die Behandlung der Mütter deutlich zu verbessern: „Allein vom Stil her wird den Alleinerziehenden oft unterstellt, dass sie betrügen wollen“, betonte Bettina Noack.

Den Punkt des fehlenden Wohnraums griff Sebastian Weigle auf: „Wohnungslosigkeit betrifft zunehmend auch Familien“, sagte der AWO-Vorsitzende. „Es muss am Bewusstsein gearbeitet werden, dass in jeder Gemeinde im Landkreis sozialer Wohnungsbau vonnöten ist“, betonte Weigle und sprach damit das Stadt-Land-Gefälle an – weil in kleineren Kommunen Armut eher auffällt, würden Ärmere häufiger in die Stadt ziehen. Sie müssten dort allerdings auch deutlich mehr Miete aufbringen. Wenn allerdings laut Weigle (wie geschehen) ein Bürgermeister einen Wohnsitzlosen nach Reutlingen schicke, weil seine Gemeinde sich nicht zuständig fühle, dann stimme doch einiges nicht, so der Stadtrat und AWO-Vorsitzende.

Pfarrerin Sabine Drecoll berichtete, dass das Projekt „Sterntaler“, das sie maßgeblich mit auf den Weg gebracht hatte, „aus Resignation heraus entstanden ist“. Warum? „Weil wir als Pfarrer, Diakonie und Caritas nicht länger zusehen wollten, dass Kinder aus armen Familien in der Schule und in der Freizeit von zahlreichen Aktivitäten ausgeschlossen sind.“ Viele ärmere Familien könnten ihren Kindern nämlich etwa das Erlernen eines Instruments, den Sportverein, die Klassenfahrten und vieles andere nicht bieten – mit der Folge, dass ihre Kinder ausgegrenzt würden. „Armut ist ein Querschnittsthema“, betonte Drecoll ebenso wie Rainer Hinderer. Und dazu gehöre auch, dass „Abgehängte“, Menschen, die mit der rapiden digitalen und technischen Entwicklung nicht mithalten könnten, auf einem zweiten, sozialen Arbeitsmarkt Tagesstruktur, Geld und Anerkennung erhalten müssten, betonte Reinhard Glatzel.

Der Kreisjugendamtsleiter bemängelte zudem, dass in den zurückliegenden Jahrzehnten noch keine Regierung das Thema Kinderarmut konsequent strukturell angegangen sei – „damit es in fünf bis zehn Jahren keine armen Kinder in diesem so reichen Staat mehr geben würde“. An der Finanzierung könne es nicht liegen, „es ist doch Geld da wie Dreck“, zitierte Reinhard Glatzel den CDU-Politiker Heiner Geißler.

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