Über Pläne, Zwänge und Erfolge

|
Ein Geschenk unserer Zeitung an OB Barbara Bosch: Geschäftsführer Thomas Scherf-Clavel (von links), Otto Paul Burkhardt und Peter Andel überreichen ihr ein Unikatbuch "Botschaft Hoffnung" des Hohensteiner Künstlers Gert Koch.

Auf keinen Fall", antwortet Oberbürgermeisterin Barbara Bosch auf die Frage, ob das gerade begonnene Jahr 2015, weil kein Wahljahr, kommunalpolitisch etwas ruhiger wird. Denn "das Arbeitsprogramm" läuft ja weiter. Und das hat es durchaus in sich, vor allem gelte es, angesichts der Finanzlage der Stadt "Weichenstellungen" vorzunehmen, weshalb im Frühjahr auch eine Klausur mit dem Gemeinderat vorgesehen ist.

Die Rathauschefin setzt dabei nicht so sehr auf "Visionen", sondern stellt sich eher auf die praktische Seite. Die Verwaltung wolle beispielsweise Vorschläge zum Gewerbeflächenentwicklungsplan machen, der Wohnungsbau sei, ob Orschel-Hagen-Süd oder Tübinger Straße, am Laufen. Mehr Einwohner bringen eben auch mehr Steuern in die klamme Kasse. Am weitesten sei Reutlingen bei der Regionalstadtbahn. Das bedeutet: Die Hausaufgaben sind gemacht, jetzt geht's darum, dass die Geldgeber Bund und Land bei der Stange bleiben.

Das Gebäudemanagement wird sich mit dem Neubau des Tonne-Theaterzentrums beschäftigen. Für Reutlingen ist es ein Novum, dass die Stadt einen Theater-Neubau angeht. Weitere Themen werden sein der Verkehrsentwicklungsplan, die Stellenbesetzung mit einem Klimaschutzmanager und eine andere Gebührenstruktur bei den Kindergärten, die von Teilen des Gemeinderats gewünscht wird. "Da sind Debatten zu erwarten", weiß Barbara Bosch.

Was der Bürger auf den ersten Blick so nicht erkennen könne, ist, dass zwar Vorlagen für den Gemeinderat erarbeitet und vom Gremium abgesegnet werden - aber dann beginnt für die Verwaltung erst das Geschäft, denn die in Schrift gefassten kommunalpolitischen Ziele müssen schließlich auch umgesetzt werden - beispielsweise in den nicht einfachen Bereichen Schulentwicklung und Inklusion.

Und da wäre ja noch das Hotel bei der Stadthalle. Oberbürgermeisterin Barbara Bosch glaubt nicht, dass nach dem erstmaligen Scheitern mit dem Investor Manfred Steinbach der zweite Flop mit einer anderen Strategie hätte vermieden werden können. Es habe nur zwei Möglichkeiten in diesem geschlossenen Verfahren gegeben. Abbrechen und europaweit ausschreiben oder weitermachen. Der Gemeinderat habe in Letzterem eine Chance gesehen und so entschieden - trotz der Risiken. Die habe man in Kauf genommen. "Man sollte nicht auf den letzten Metern die Pferde wechseln", begründet Barbara Bosch die Vorgehensweise. Im Übrigen habe man durch den Rückzug des Investors lediglich ein halbes Jahr verloren - "mehr nicht".

Ob das neue Konzept mit drei, vier oder gar keinem Stern verwirklicht wird, sei nebensächlich. Sterne hätten zum Beispiel mit Kapazitäten oder auch mit Wellness zu tun, nichts aber mit dem Dudler-Entwurf selbst. Die Sterne-Kategorisierung sei nicht der einzige Parameter. "Es geht ums Angebot, nicht um die Sterne." Denn klar sei, Reutlingen brauche an dieser Stelle ein Tagungshotel.

Nach der Haushaltsverabschiedung will die Verwaltung einen Vorschlag zur Ausschreibung für das Hotel machen - auch unter Berücksichtigung der "inklusiven Form", wie sie die Linke ins Spiel gebracht hatte, aber damit in der ersten Runde auf wenig Gegenliebe stieß.

Dass Experten monieren, neben der Stadthalle könne man für 18 Millionen Euro kein Hotel bauen, das wirtschaftlich betrieben werden könne, kann die Oberbürgermeisterin nicht beurteilen. "Das ist nicht mein Job." Jedenfalls sei von Anfang an beim Hotel der wirtschaftlichste Vorschlag auf dem Tisch gelegen. Die Fassade, ist Barbara Bosch überzeugt, habe mit Sicherheit nicht die entscheidende Rolle gespielt.

Ein "erfolgreiches Zwischenfazit" zieht die OB in Sachen Stadthalle. Der 42-Millionen-Bau, entworfen vom Schweizer Stararchitekten Max Dudler, war von Anfang an Chefsache. Und als dann der Neubau pünktlich sowie im Kostenrahmen fertig und im Januar 2013 eröffnet wurde, blickte sogar die "Frankfurter Allgemeine" begehrlich auf Reutlingen. Die Stadthalle sei - mit Seitenblick auf die Hamburger Elbphilharmonie und den Berliner Flughafen - "ein Paradebeispiel für professionelle Projektplanung und Bauleitung, wie sie derzeit in der Republik kaum noch vorkommt". Die "Faz" gab sogar folgenden Tipp: "Vielleicht sollten die Bauherren und Projektplaner von der Elbe, der Spree und vom Neckar mal in die Stadt an dem kleinen Flüsschen Echaz reisen."

Das ging den Verantwortlichen hier natürlich runter wie Öl. Die Halle läuft jetzt seit zwei Jahren. Um die 300 000 Besucher dürfte sie seit der Eröffnung inzwischen verzeichnen. Alles also in Butter? Das geplante Konzept einer "Halle für alle", betont Bosch, sei eingelöst worden. Der Bau biete eine Vielfalt von Veranstaltungen - "von der klassischen Musik bis zur Unterhaltungskultur". Weil noch kein Hotel bereitsteht, sei allerdings der Tagungsbereich, mit dem die Halle Geld verdient, noch "unterrepräsentiert". Das "Versprechen" aber, der jährliche Abmangel werde die Grenze von einer Million nicht übersteigen, sei von der Stadthallen-GmbH "gehalten" worden, sagt Bosch. Auf dem Markt der Veranstaltungszentren werde der Reutlinger Neubau "genau beobachtet".

Und jetzt, da die Halle das ökologische Gütesiegel "Green Globe" erhalten hat und kürzlich gar zur "Top-Tagungs- und Eventlocation 2014" gekürt wurde, dürfe sie vollends als "Erfolgsmodell" gelten, meint Bosch. Die Zahl der Vereinsbuchungen habe zudem "deutlich zugenommen" - die von der Stadt gewährten Mietzuschüsse erleichtern für knappe Vereinskassen den Zugang. Ein "Premium-Mieter" sei sicherlich die Württembergische Philharmonie, die mit der Stadthalle viele Zuschauer dazugewonnen hat. Dass auch von außerhalb "Anfragen renommierter, hervorragender Orchester" vorliegen, zeige, welch guten Ruf die Halle mit ihrer exquisiten Akustik mittlerweile genieße: "eine gute Adresse - ich finde es toll, dass es sich herumspricht!"

Allerdings: Bei anderen Hallen gibt es neben der Geschäftsführung einen Verantwortlichen, der das Kulturprogramm aktiv auswählt und akquiriert. So etwas gibt es in Reutlingen nicht - ein struktureller Mangel? Nein, meint Bosch, "dazu besteht keine Notwendigkeit." Mit Blick auf Philharmonie, Kulturamt und franz.K sagt sie: "Wir haben Kulturbetreiber in der Stadt, wir haben Musikreihen - da braucht es keinen Oberspielleiter" oder gar Intendanten. Selbstverständlich gehöre es zum "Dienstauftrag" der Stadthallen-Managerin Petra Roser, etwa Doppelungen zu verhindern. Doch eine weitere Instanz, die ja über der Philharmonie- und der Kulturamts-Leitung angesiedelt sein müsste, sei da "nicht notwendig: Es funktioniert so, wie es ist."

Anderes Thema: Das geplante Theaterzentrum der Tonne lässt noch immer auf sich warten. Die OB blickt auf 2015: "Der Baubeschluss kommt." Garantiert "ohne höheres Budget". 2016 Beginn, 2017 Umzug und Eröffnung, so in etwa skizziert die OB den "Zeitplan". Und freut sich schon jetzt darauf, denn das Theaterzentrum werde der Tonne "sicher einen weiteren Schub nach vorne" geben, auch dem "Theaterstandort Reutlingen".

Die Pläne der Stadt, das ist das eine. Die informative und kritische Begleitung dieser Pläne in der Zeitung - ist das andere. Wie hält es OB Barbara Bosch mit der Zeitung? Was erwartet sie? Zunächst einmal "handwerklich gute Arbeit, gute Recherche - dass der Kern der Information richtig ist und dass ich mich darauf verlassen kann, dass die Zitate stimmen".

Wie liest sie? "Täglich", klar. Und "professionell". In welcher Reihenfolge? "Erst die Kommunalpolitik, dann die Landes- und Bundespolitik." Das ergibt sich aus ihren Funktionen als OB, als Präsidentin des Städtetags Baden-Württemberg und als Mitglied in der Präsidiumsspitze des Deutschen Städtetags. Zu ihrer Zeitungslektüre gehört auch die Kultur - sie lese, so Bosch, auch Berichte zu Aufführungen hier, in der Region oder in Stuttgart. Wobei sie lachend hinzufügt: "Und ich bedaure jedes Mal zutiefst, dass ich nicht dort sein konnte."

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ein kleines Wattestäbchen reicht

Bei der Spendenaktion für den zweijährigen Joel bereicherten 1324 Freiwillige mit ihrer Speichelprobe die weltweite Stammzellen-Datei. weiter lesen