Über die Grenzen von Stil und Zeit

Die Reihe Concertino lud zu einer Uraufführung: „Ebenen der Stille – Psalm 23“. Unter Dirigent Andreas Puttkammer wurde ein Raum-Klang-Erlebnis daraus.

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Eine faszinierende Sache: Neue Musik mit dem Instrumentarium Alter Musik, Stilbruch als Konzept. Stephan Dominikus Wehrle hat in seinem Jahresprojekt im Studiengang Musikdesign an der Musikhochschule Trossingen dies zu einer neuen Einheit komponiert.

Die Uraufführung von „Ebenen der Stille“ in St. Wolfgang wird wohl die einzige Live-Darbietung bleiben; schon die Mitwirkenden zusammenzubringen ist schwierig. Dazu gehören zwei Solo-Soprane (einwandfrei: Maria Martinez und Giorgiana Pellicela), ein Bass (tadellos: Saloum Diawara), ein Mädchenchor, hier der vorzügliche Mädchenchor Rottweil, ein Klangsteinkünstler (Hannes Fessmann), ein/e Organist/in an der großen Orgel sowie ein Alte-Musik-Ensemble, das die Grenzüberschreitung in andere Stile mitmacht. Außerdem wird reichlich technisches Equipment samt Bedienern gebraucht. Sie alle sind im Kirchenraum verteilt, mehrere Boxen stehen auf der Galerie, die Choristinnen wandern. Ein Riesen-Aufwand!

Die Musik selbst könnte man als Soundtrack zu einem unsichtbaren Film aus ferner Zeit umschreiben. Den Stoff bildete der 23. Psalm („Der Herr ist mein Hirte“), allerdings in lateinischer Sprache und im Programm-Faltblatt weder wiedergegeben noch übersetzt, so dass die Zuhörer sich an einer Stichwortliste orientieren mussten. So ließ man sich das Ohr öffnen für Klangfacetten zwischen archaisch und modern, elektronisch und akustisch.

Lange, vibrierende Haltetöne dehnten sich zu weiten Flächen, Saitenklänge altertümlichen Stils traten hervor, Gesangssoli und Chorpassagen mit reiner Intonation und innigem Singen. Gong und Trommel setzten Akzente, archaische Wucht traf feinsinnige Klangkunst, St. Wolfgang wurde zu einer virtuellen Klosterkirche. Orgel und Zink hielten Zwiesprache, die Theorbe griff den Rhythmus auf. Ein gläserner Halteton bildete den Klanggrund für Harmonie-Schichtungen der jungen Stimmen. Bedauerlich, dass die meisten die Instrumentalisten nicht sehen konnten: Wann erlebt man schon eine Nyckelharpa, eine Art Griff-Fidel, die zudem vom jungen Komponisten selbst gespielt wird?

Doch dann dringt Donnergrollen aus den Boxen und wird zu einer Sinfonie der farbigen Klänge, vielfach geschichtet und bewegt, kontrastiert durch zarte Glöckchentöne. Die Orgel evoziert mit scharfem Zungenregister und knappen Motiven ein neues Mittelalter, bevor naturalistisches Blubbern und Rauschen die Psalmzeile „und führet mich zum frischen Wasser“ untermalt. Es rauscht noch, als ein Zuhörer laut klatschend das Ende bestimmt und der Rest einfällt. Wo bleibt das Meditative?

„Ebenen der Stille“ eignet sich in dieser Fassung eher für den Kopfhörer; da sind die Momente der Stille erlebbar. In St. Wolfgang hingegen mischte sich der Raum unüberhörbar ins Geschehen ein. Da jeder Mensch sich unwillkürlich in die Richtung eines Schallereignisses dreht, um den Urheber zu sehen, die Schallquellen ständig wanderten und ausgerechnet die Instrumentalisten mit ihren exotischen Klanggeräten den Blicken weitgehend verborgen waren, war das Publikum (natürlich im Sitzen) ständig in Bewegung, das Geraschel und die alten Kirchenbänke lieferten mit ihrem Knarzen eine zusätzliche Geräuschkulisse – für ein faszinierendes Musikerlebnis.

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