Über die Geschichte der Hexenprozesse

|
Die Mitwirkenden des Projekts.  Foto: 

1667 fand der letzte Hexenprozess hier statt: Das Isolde-Kurz-Gymnasium widmet sich gemeinsam mit der Tonne dem Thema in einer szenischen Lesung in der Katharinenkirche.

Einfach seine Gegner als Hexen denunzieren, und schon ist man sie los: Bürgermeister Laubenberger von Reutlingen hat die letzten Prozesse gegen Hexerei angestiftet, um seine politischen Widersacher, die Apothekerfamilie Efferen, zu schwächen.

Eckhard Wurm, der ehemalige Theaterlehrer des Isolde-Kurz-Gymnasiums, hat im Stadtarchiv zu diesem Thema recherchiert, und findet, dass der Verlauf dieser Reutlinger Prozesse gegen vier Angeklagte „geradezu nach einer Dramatisierung schreit“. Nicht nur, weil es sich um regionale Geschichte handelt, sondern auch, weil alles vorhanden sei, was eine gute Story brauche: Gute und Böse, Macht und Intrigen, Brot und Spiele, sensationsgieriges Volk, starke Emotionen, Hass, Neid, Eifersucht.

Wurm hat dann aber auch gleich gemerkt: „Die Theater-AG des IKG kann den großen Stoff vermutlich nicht stemmen.“ Er hat deshalb das Theater die Tonne angefragt und ist dort sofort auf Interesse gestoßen. Weil das Stück aber noch dieses Jahr, 350 Jahre nach dem Tod des letzten „Hexers“, aufgeführt werden sollte, hat man sich anhand der vielen anderen Tonne-Projekte für eine gemeinsame szenische Lesung entschieden.

Und zwar in der Katharinenkirche, wo die Tonne ja öfters mit Literaturgottesdiensten zu Gast ist, und wo das Projekt ebenfalls auf offene Ohren traf: Nicht nur, weil die Kirche ein tolles Ambiente abgibt für Theaterprojekte, sondern auch, weil Pfarrerin Ursula Heller es wichtig findet, dieses Thema als „dramatisches Kapitel der Weltgeschichte“ in die Kirche zu holen.

Es sei ja nach wie vor aktuell, auch heute noch werden „viele Menschen angeschwärzt und sinnbildlich verbrannt“, so Pfarrerin Heller, „wenn sie sich nicht der Norm entsprechend verhalten“. Und die Kirche, die ja in der Geschichte der Hexenverfolgung „eine nicht gerade rühmliche Rolle gespielt hat“, müsste sich diesbezüglich „noch deutlicher zu Wort melden“. Speziell in Reutlingen 1667 war allerdings nicht die Kirche die treibende Kraft des Prozesses, sondern Stadt und Verwaltung waren die juristische Instanz, die über Leben und Tod entschieden hat. Allgemein habe sich die Kirche in Reutlingen aus den Prozessen rausgehalten, aber sie im Prinzip gutgeheißen, weiß Eckhard Wurm. Nur der evangelische Pfarrer Bantlin sei liberaler gewesen und habe immer wieder mehr Gnade angemahnt.

Gnade walten ließ man tatsächlich oft, aber nur, was die Wahl der Hinrichtungsmethode anbelangte: Und so wurden viele Opfer vom Henker geköpft anstatt auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Alles unter johlendem Beifall des Volkes, das sich auf dem Marktplatz eingefunden hat, um den Prozess mit Zeugenanhörung, Urteilsspruch und Hinrichtung live mitzuverfolgen. Die „peinliche Befragung“ hatte man vorher durchgeführt: mithilfe von Waterboarding in der Echaz. Die Opfer hat man in einem Käfig im Stadtflüsschen versenkt.

Die Anklagepunkte waren oft religiöser Natur und hochsexualisiert, so Wurm, oft ging es um den vermeintlichen „Beischlaf mit dem Teufel“ oder „Unzucht mit Tieren“. Gestanden die Beschuldigten, wurden sie hingerichtet, gestanden sie nicht, so sprach aus ihnen der Teufel, und sie wurden ebenfalls hingerichtet. Die Opfer waren nicht nur die klassischen Kräuterfrauen und Heilerinnen, sondern auch geistig Verwirrte und andere Leute, die nicht ins System passten, also auch viele Männer.

Nur ein Drittel der Angeklagten entkamen der Hinrichtung und wurden für weitere juristische Klärungen ins württembergische und nicht ganz so rabiate, weil rechtsstaatlichere Tübingen geschickt. Die szenische Lesung, an der nicht nur IKG, Tonne, Katharinengemeinde, sondern auch Geschichtsverein und Jugendgeschichtswerkstatt beteiligt sind, wird inszeniert von Theaterlehrerin Sabine Laage und dem Literatur- und Theaterkurs der Oberstufe. Mit von der Partie sind außerdem Chrysi Taoussanis, Enrico Urbanek und Thomas B. Hoffmann (Tonne). Umrahmt wird die Szenerie von atmosphärischer Musik und Stadtansichten aus dieser Zeit.

„Ins Feuer – Hexenprozesse in Reutlingen“, szenische Lesung in der Reutlinger Katharinenkirche: Donnerstag, 18. Mai, und Freitag, 19. Mai, jeweils 18 Uhr.

„Ins Feuer – Hexenprozesse in Reutlingen“ von Eckhard Wurm, szenische Lesung von IKG und Tonne in der Reutlinger Katharinenkirche: Donnerstag, 18. Mai, und Freitag, 19. Mai, jeweils 18 Uhr.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Unterwegs in ein neues ÖPNV-Zeitalter

Der Gemeinderat hat gestern Abend mit großer Mehrheit den Grundsatzbeschluss für ein neues Stadtbuskonzept gefasst. Die Umsetzung soll im zweiten Halbjahr 2019 starten. weiter lesen