Über den Tod, das Leben und die Liebe

Das Sommertheater der Tonne lebt von der lauschigen Atmosphäre im Spitalhof-Geviert. Ab morgen läuft dort Molières "Der eingebildete Kranke".

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Und zwar "in sehr freier Fassung", wie Regisseurin Karin Eppler erläutert: "Wir haben die Sprache etwas angepasst, aber ohne besser sein zu wollen als Molière!" Denn "Der eingebildete Kranke", ein unverwüstlicher Lustspiel-Klassiker von anno 1673, sei schon thematisch per se "ein großartiger neuzeitlicher Stoff", meint die Regisseurin. Sie werde allerdings weniger "das hypochondrische Krankheitsbild" ins Zentrum rücken, sondern das Ganze als "großen Sommerspaß über den Tod, das Leben und die Liebe" präsentieren.

Aktualisierte Aspekte wie "Kritik an der Ärztegläubigkeit und am Gesundheitssystem" spielen zwar auch eine Rolle. Doch entscheidend für die mehrfach preisgekrönte Regisseurin, die bis 2001 am LTT fest tätig war und seither frei arbeitet, sei die "hohe komödiantische Fallhöhe" des Plots, die "tiefe innere Wahrheit". Zudem: Seit Molières Zeiten hat sich auch das Ärztebild gewandelt. Gut, die Halbgötter in Weiß gibt es noch, aber heute kann jeder auch selbst seine Symptome googeln. "Der beste Arzt" lauert längst "im Patienten selbst", so Eppler: "An dieser Stellschraube haben wir ein bisschen gedreht." Die Regisseurin sieht in dem Stück keine "düstere, schwarze", sondern "eine helle Komödie": "Die Figuren gehen mit einem Minus rein und kommen mit einem Plus heraus."

Alles in allem: Karin Eppler sucht "einen eher gemäßigt neuen Zugang" und verlegt das Stück in eine "nicht näher zu verortende Zeit mit Nähe zu heute". Ansonsten bleibt alles "schön altmodisch", Eppler verlässt sich ganz auf Schauspieler-Theater. Auch die Ausstattung von Annette Wolf versteht sich als "weder historisch noch konkret heutig" und siedelt sich "zwischen Landhausstil und Krankenhausoptik" an. Und ja: Die Waschmaschine im Bühnenbild werde ein bisschen "mit dem Hygienethema" spielen.

Die "kleinen Zwischenballette", wie sie zu Molières Zeiten üblich waren, werden im Spitalhof mit Musik ersetzt, für die wieder Michael Schneider verantwortlich zeichnet. Da erklingt dann - wohl mit Bezug zu Schuberts "Der Tod und das Mädchen" - etwa "Der Tod und der Hypochonder" oder ein Liebeslied, "alles handgemacht", auch mit Gitarre, wie Schneider erklärt. Die Hauptfigur wiederum hält sich überdurchschnittlich häufig auf der Toilette auf und hört dort gerne "große Oper": etwa das schmachtende "Addio" oder "La Traviata".

Ansonsten kommt Karin Eppler im Spitalhof mit fünf Darstellern aus, die teils von Rolle zu Rolle springen werden. Übrigens ohne Mikroport, unverstärkt, wie Eppler betont. Burghard Braun (Bregenz, Köln, Monospektakel) spielt den Titelhelden, und um ihn herum agiert ein junges Team, in dem Torsten Hoffmann, Michael Schneider, Chrysi Taoussanis und Alice Peterhans mitwirken - letztere kommt frisch geprüft vom Wiener Schauspiel-Konservatorium. Und weil es in Epplers Inszenierung auch um "Todessehnsucht" geht, erklingen zwischendurch poetische Texte von Gryphius, Eichendorff, Brentano bis hin zu Heiner Müller.

Termine, Tickets

Premiere Donnerstag, 10. Juli, 20 Uhr open air im Spitalhof Reutlingen. Weitere Vorstellungen: 12., 13., 16. bis 20., 23. bis 27. Juli, 30. Juli bis 3. August, 20 Uhr, sonntags schon um 18 Uhr. Bei schlechter Witterung in der Planie 22 - Infos gibts zwei Stunden vor Spielbeginn unter Telefon: (0 71 21) 93 77-0. Karten: ebendort und auf www.theater-reutlingen.de.

SWP

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