Üben für die Flüchtlinge

30 Flüchtlinge kommen Mitte März nach Pfullingen - da war es für die Planungsgruppe des Bürgertreffs naheliegend, schon mal einen Trainingsnachmittag in Sachen Willkommenskultur einzulegen.

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Im Bürgertreff laufen die Fäden zusammen: Über 50 Pfullinger sind zum Begegnungsnachmittag gekommen, um die Flüchtlinge kennen zu lernen und die Planungsgruppe zu unterstützen.

"Wir üben das jetzt erstmal", sagt Gert Seeger. Einen "Warm-up" nennt es Karl Wagner. Die beiden Ehrenamtlichen vom Bürgertreff setzen in diesen Nachmittag im Café Central große Erwartungen. Sie haben jeden der 17 Flüchtlinge, die in Pfullingen leben, einzeln eingeladen, um Willkommenskultur zu trainieren. Asylbewerber und Einheimische sollen sich kennen lernen. Eine ganze Riege an Helferinnen hat Kaffee aufgebrüht und Kuchen gebacken: Käse mit Kirsch und ohne Kirsch und mit jeder Menge Schmand. Schmecken soll es den Asylbewerber-Familien und den Pfullingern, gemütlich und ungezwungen zugehen. "Man soll sich beschnuppern können, Vorurteile dürfen erst gar nicht aufkommen", sagen Seeger und Wagner mit Blick auf die Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr in der Stadt angekommen sind und auf die 30, die Mitte März hier erwartet werden. Und für die jetzt eben schon mal geübt wird.

Dass bisher relativ wenig geschehen ist an Asyl-Arbeit in Pfullingen, liege, so Seeger, auch daran, dass es wenig zu tun gab. Dabei haben der einstige Bürgertreff-Sprecher Theo Brenner und der gebürtige Inder Prof. Dr. Chandrasekhar Iyer schon Ende 2013 gedacht, "dass wir etwas tun müssen". Sie haben mit der Stadt gesprochen und mit den Leuten vom Landratsamt. "Wir haben versucht, an Informationen zu kommen", berichtet Iyer. Allein: Es gab noch nicht all zu viel zu erfahren. Als dann 2014 tatsächlich die ersten Flüchtlinge ankamen, sind Seeger und Wagner aktiv geworden und haben eine Planungsgruppe gegründet, in der mittlerweile ein harter Kern von acht bis zehn Leute mitarbeitet. "Wir brauchen aber 40 bis 50 Leute, die helfen", erklärt Seeger - schlicht, damit sich das Engagement auf viele Schultern verteilt.

Dass an diesem Begegnungsnachmittag weit über 50 Pfullinger erscheinen - das freut die Ehrenamtlichen schon sehr. Bürgermeister Michael Schrenk ist mit seiner Frau gekommen, aktive und frühere Stadträte sind da und viele andere Bürger. Sie wollen die Planungsgruppe bei ihrem Ansinnen unterstützen, "das an Arbeit zu übernehmen, was nicht von der Stadtverwaltung abgedeckt wird". Es gehe darum, die Flüchtlinge in die Gesellschaft einzugliedern. "Es muss ja nicht jeder Pfullinger helfen, aber jeder sollte offen sein", sagt Seeger.

So leicht ist es an diesem Tag allerdings gar nicht, mit den Asylbewerbern in Kontakt zu kommen. Erschienen ist vorerst nur eine Familie aus Mazedonien, die angesichts des Andrangs der Helfer erstmal ein bisschen verschüchtert wirkt, dann aber schnell auftaut.

Vor kurzem erst ist das Ehepaar mit seinen drei Kindern nach Pfullingen gekommen. "Vorher waren wir in Unterhausen in der Staufenburg", sagt die 33-jährige Mutter, die schon richtig gut deutsch spricht. "Dass wir jetzt hier in Pfullingen eine eigene Wohnung haben, ist toll", erklärt sie, die auch gern arbeiten gehen würde und sich in einem Altenpflegeheim um eine Putzstelle beworben, allerdings noch keine Antwort bekommen hat. Aus Mazedonien weggegangen ist die Familie, "weil wir dort im eigenen Land zur Minderheit wurden". Die Albaner hatten in dem Dorf irgendwann das Sagen. "Mein Mann und die Kinder wurden beschimpft und geschlagen", berichtet die Mutter.

Ihre Geschichte erzählen die Mazedonier an diesem Nachmittag immer wieder - weil fast jeder versucht, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Aber auch die Helfer untereinander wollen sich vernetzen. Die Sprecher des Bürgertreffs möchten eine Datenbank aufbauen, damit zum Beispiel Anbieter und Nutzer von Sprachkursen und Kinderbetreuung zusammenfinden können. Die Arbeit der Ehrenamtlichen soll sinnvoll koordiniert werden. Seeger hat ein Schema erarbeitet, dank dem jeder Einzelne seinen Platz in der Planungsgruppe finden soll: als "Schnittstelle Verwaltung" oder als Begrüßungspate, als Mitarbeiter im Asylcafé, als Begleiter bei Behördengängen, als Vereinskoordinator oder als Helfer in einem multikulturellen Garten. Mitte März sollen die Strukturen stehen. Dann kommen die nächsten Flüchtlinge - oder wie die Planer sagen: Dann gilt's.

Info Wer die Planungsgruppe unterstützen möchte, kann sich beim Bürgertreff unter Telefon: (07121) 5148897 oder 5148898 melden.

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