Trip ins Ungewisse mit bewusstem Risiko

Nach dem Beben im April ist die Not in Nepal längst nicht besiegt. Medizinische Hilfe, auch in entlegene Gebiete, bringt Ende September ein fünfköpfiges Team des Vereins Mountain Spirit Deutschland (MSD).

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Es dauerte nur rund acht Minuten - und Nepal lag buchstäblich am Boden. Das verheerende Erdbeben vom 25. April hatte eine Stärke von 7,8. Es forderte rund 9000 Todesopfer und zerstörte auf einen Schlag lebenswichtige Infrastrukturen in einem der ärmsten Länder der Welt.

Groß war damals die weltweite Anteilnahme, nicht minder groß die Hilfsbereitschaft. Knapp ein halbes Jahr später hat sich die Weltöffentlichkeit wieder anderen Themen zugewandt. Es ist ruhig geworden um ein Land, das gleichwohl unverändert vor existenziellen Herausforderungen steht. "Es gibt noch unendlich viel zu tun", weiß der ehemalige Chefarzt der Reutlinger Gefäßchirurgie, Dr. Rainer Claußnitzer. Nicht erst seit dem 25. April hält er engen Kontakt zu Freunden im Land. Seit rund sechs Jahren engagiert er sich, zusammen mit seiner Frau Anne, tatkräftig im Lichtensteiner Verein Mountain Spirit Deutschland (MSD) und damit für und in einem Land, das beiden, samt seinen Bewohnern, längst ans Herz gewachsen ist.

Am Dienstag, 29. September, nur wenige Tage nach seinem 70. Geburtstag, wird Rainer Claußnitzer mit seiner Frau erneut nach Nepal aufbrechen. Ziel ist unter anderem das Arun-Tal. Eine entlegene Bergregion im Schatten der großen Touristenströme, die bereits vor dem Beben abgehängt war von struktureller Hilfe. Die nepalesische Hilfsorganisation HNFF bat Mountain Spirit Deuschland deshalb schon 2013 um Unterstützung.

Der Lichtensteiner Verein entschloss sich daraufhin, bis ins Jahr 2017 Strukturen zur medizinischen Versorgung der rund 20 000 Talbewohner aufzubauen. Letztmals im Jahr 2014 besuchte ein MSD-Team mit Rainer Claußnitzer die Region. Sie behandelten Einwohner und vermittelten medizinisches Grundwissen. Planmäßig jetzt im Herbst, sollte das Projekt mit einem erneuten Besuch vorangetrieben werden.

Doch dann bebte die Erde. Und mit den Erdplatten verschoben sich auch die Prioritäten. Statt langfristiger Hilfestellung, war und ist Soforthilfe gefragt. Nach den Erdstößen konnte der Verein 25 000 Euro für den Erstaufbau an seine nepalesischen Partnerorganisationen überweisen. Das Resultat einer "unglaublichen Spendenbereitschaft", die Anne Claußnitzer "hoch beeindruckt" zurückließ.

Nun aber will das Team selbst anpacken. Den aktuellen Aufgabenstellungen geschuldet, in veränderter Besetzung. Neben dem ortskundigen Allgemeinmediziner Dr. Friedrich Feurer, begleitet das Ehepaar Dr. Annette Gann vom Tropeninstitut Tübingen (Expertin in Infektionskrankheiten) sowie der nepalesische Medizinstudent Prakash Silwal aus Tübingen. In ihn setzt Rainer Claußnitzer die Hoffnung, dass er nach der Beendigung seines Studiums in seine Heimat zurückkehrt und die Arbeit im Sinne des Vereins fortführt. Der Verein braucht, hier wie dort, junge Mitstreiter, um die aufgebauten Netzwerke weiter mit Leben erfüllen zu können. An der strukturellen Aufbauhilfe im Arun-Tal hält der Verein, den aktuellen Ereignissen zum Trotz, fest.

Zunächst aber werden die fünf aufbrechen, um Notfallmedizin zu leisten und jene Patienten zu behandeln, die mit den Folgen des Bebens bis heute alleine gelassen sind. Mehr noch als in vorangegangenen Jahren, ist es ein Trip ins Ungewisse. Die Informationslage nennt Rainer Claußnitzer "unübersichtlich". Unklar ist, welche der provisorischen Pisten befahrbar sind, welche Brücken den Zugang in die abgeschiedene Region überhaupt erlauben.

Was für das Arun-Tal im Speziellen gilt, gilt grundsätzlich auch für andere Erdbebengebiete. An allen Ecken fehle es an Know-How, die Aufbausituation sei insgesamt "grenzwertig", die Regierung "völlig überfordert", berichtet Rainer Claußnitzer. Zu allem Überfluss droht nun nach der Monsun-Zeit, der Einzug des Winters. Auch kann es jederzeit wieder zu heftigen Erdstößen kommen. Bis heute bebt die Erde beinahe täglich - mit einer Stärke zwischen drei und vier.

"Uns ist das Risiko wohl bewusst", sagt Rainer Claußnitzer. Die existenziellen Nöte der Nepalesen aber, lassen ihn und das gesamte Team über alle Unwägbarkeiten hinwegsehen. Sie wollen bis Anfang November bleiben. Aber wie so vieles derzeit in Nepal, hängt auch das von der konkreten Lage vor Ort ab.

Info Weitere Infos über Verein und Projekte gibt es unter: www.mountainspirit-deutschland.org.

Spenden für Nepal

Der Lichtensteiner Verein MSD ist dringend auf Spenden angewiesen. Ein Konto ist bei der Volksbank Reutlingen eingerichtet: Mountain Spirit Deutschland, BIC: VBRTDE6R, IBAN: DE32640901000311759009. Für die gezielte Unterstützung der Medizinprojekte, sollten Spender den Verwendungszweck "Medizinprojekte" oder "Arun-Projekt" angeben.

SIM

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